Torsten Matzak

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28. Juni 1902: Verlängerung des Dreibundvertrages

Der Dreibund zwischen dem Deutschen Kaiserreich, dem Kaiserreich Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien bildete einen Teil des Bismarckschen Vertragssystems, mit der er die Balance zwischen den europäischen Mächten zu erhalten versuchte.

Ausgangspunkt und Hintergründe des Vertragsschlusses

Ausgangspunkt der Bildung des Zweibundes war die Furcht Bismarcks, nach der Saturierung des Reiches nach der Reichsgründung 1871 in die außenpolitische Isolation und die Zange der Flügelmächte Großbritannien, Frankreich und Rußlands zu geraten.

Insbesondere bei Frankreich ging Bismarck davon aus, daß sich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 eine immerwährende Feindschaft zum Deutschen Reich entwickelt hatte, die Frankreich auf Revanche sinnen ließ.

Bismarck ging es daher mit der Bildung des Zweibundes um die Aufrechterhaltung des Status quo in Europa, der eine nochmalige kriegerische Entladung in Mitteleuropa verhindern und den Bestand und die außenpolitische Rolle des Deutschen Reiches sichern sollte.[1]

Im Reich mußte Bismarck vor allem den Widerstand Kaiser Wilhelm I. überwinden, dessen Neffe Alexander II. der Zar von Rußland war. Rußland hatte bereits in der jüngsten Vergangenheit immer wieder versucht, das Deutsche Reich für seine Expansionspolitik insbesondere auf dem Balkan zu vereinnahmen. Berlin sollte dabei seine Politik zugunsten des österreichischen Kaiserhauses aufgeben und sich der russischen Politik vorbehaltlos anschließen, wogegen Rußland im Gegenzug dazu die Sicherheit des Deutschen Reiches garantieren wollte. Bismarck mußte dieses Ansinnen jedoch zurückweisen, wollte er nicht zurück in die zweite Reihe der internationalen Politik fallen.

Rußland mußte – nach dem Bruch des Dreikaiserabkommens 1873 – durch die Ausspielung der deutsch-österreichischen und der deutsch-britischen Karte[2] die Bedrohung der russischen Isolation gezeigt werden, nachdem es auch auf dem Berliner Kongreß immer wieder versucht hatte, daß Deutsche Reich zu vereinnahmen.

Zar Alexander II. verhalf Bismarck letztlich, den deutschen Kaiser von der Notwendigkeit des Zweibundes zu überzeugen, nachdem dieser im sogenannten “Ohrfeigenbrief” vom 15.8.1879 in einer – nicht beabsichtigten – Unfreundfreundlichkeit und Vorwurfshaltung seinen Onkel allzu fordernd die russische Politik der Vereinnahmung schmackhaft machen wollte.

Zwar erklärte Zar Alexander II. bei einem Treffen mit seinem Onkel Kaiser Wilhelm I. im September 1879, den “Ohrfeigenbrief” nicht geschrieben zu haben und unterdrückte die deutschfeindliche Kampagne in der russischen Presse. Dies konnte Bismarck jedoch nicht mehr daran hindern, den Abschluß mit Österreich-Ungarn zur Sicherung der Souveränität des Reiches zu favorisieren und den Kaiser zum Abschluß dieses Defensivbündnisses als Fortsetzung des 1866 aufgelösten Deutschen Bundes zu drängen.

Für Bismarck blieb – um einer europäischen Isolation zuvorzukommen – nach dem fordernden Verhalten Rußlands letztlich bloß die österreichische Komponente.

Großbritannien hatte sich bereits zuvor gegen eine kontinentale Bindung gestreubt. Das Verhältnis zu Frankreich war nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 – vorerst – für jedes Bündnis ungeeignet und Italien befand sich erst in der Staatsbildung und spielte in der europäischen Politik noch keine entsprechende Rolle, als daß sich ein Bündnis mit ihm lohnte.

Bereits im August 1879 hatte Bismarck dem österreichischen Außenminister Graf Andrássy den Wunsch nach einem Bündnis mit Österreich unterbreitet. Im September 1879 machte Wien dann seine Bedingungen für das Bündnis deutlich: keine Garantie für Elsaß-Lothringen, keine parlamentarische Vertiefung und keine Zollunion; Abschluß eines geheimen und zeitlich begrenzten Bündnisses mit Verlängerungsoption und ausschließlich Zielrichtung dieses Bündnisses gegen Rußland. Kaiser Wilhelm I. lehnte diese Forderung zunächst ab.

Bismarck, der den Vertrag für seine weitergehenden Pläne als zwingende Voraussetzung betrachtete, versuchte nun, seinen Kaiser einzukreisen und drohte mit seinem Rücktritt. Als Verbündeten gewann er hier insbesondere Kronprinz Friedrich, der über Wien eine engere Anbindung an Großbritannien anstrebte, und Kaiserin Auguste. Das Auswärtige Amt stand geschlossen hinter ihm und am 28.9.1879 stimmte auch der Preußische Ministerrat der Position Bismarcks zu.

Das Militär mit Generalfeldmarschal Edwin von Manteuffel und Generalstabschef Helmuth von Moltke d.Ä. an der Spitze stand den bismarckschen Plänen zunächst skeptisch gegenüber, da hier insbesondere befürchtet wurde, daß ein Bündnis mit Österreich-Ungarn negative Auswirkungen auf das Verhältnis zu Italien haben würde. Erst nach dem Berliner Kongreß 1878 und der Wien-Reise Bismarcks änderte sich die Haltung der Militärführung, da man Rußland als noch ungeeigneteren Partner betrachtete und die Aufmarschplanung zwischenzeitlich auch dahingehend geändert hatte, daß man bei einem Zweifrontenkrieg die Offensive nun nicht mehr im Westen, sondern im Osten suchen wollte.

Daher begann der Widerstand des Kaisers zunehmend zu erlahmen und am 2.10.1879 erteilte er dem deutschen Botschafter in Wien die Vollmacht zur Vertragsunterzeichnung. Die in der Vollmacht enthaltenen letztlichen Bedingungen Wilhelm I., Rußland möge zum Beitritt zu dem Bündnis eingeladen werden und Österreich-Ungarn verpflichtet sich zu einem Beistand auch bei einem französischen Angriff gegen Deutschland, wurde von Andrássy abgelehnt, wobei er sich jedoch mit einem Privatschreiben Wilhelm I. an Zar Alexander II. einverstanden erklärte, worin dieser den russischen Zaren von dem Vertrag unterrichtete.

Am 7.10.1879 unterzeichneten der deutsche Botschafter Preuß und Außenminister Andrássy schließlich den Vertrag, in dem die österreichische Position dominierte. Bündnisfälle waren demnach nur ein Angriff Rußlands oder einer mit Rußland verbündeten Macht. Ansonsten waren die Partner lediglich zur Neutralität verpflichtet.

Bismarck hatte damit seine Kompetenzen überschritten, da Wilhelm I. seine in der Vollmacht dargelegten Forderungen bei deren Nichterfüllung mit seiner Abdankung verband. So mußte er nun nachträglich den Kaiser zur Ratifikation den Vertrages drängen und bediente sich dabei abermals Generalstabschef Moltke, der in einem Gutachten darlegte, daß sich das Reich einerseits gegen Frankreich auch allein verteidigen konnte und daß andererseits ein Zweifrontenkrieg Deutschland in einer sehr schwierige Lage bringen würde und daher ein Bündnis mit Österreich-Ungarn wünschenswert sei.

Da Wilhelm I. insbesondere einem Kabinettswechsel abgeneigt war, unterzeichnete der Kaiser am 16.10.1879 letztlich die Ratifikationsurkunde und setzte seinem Neffen am 4.11.1879 über den Vertragsschluß in Kenntnis. Ebenfalls wurden die anderen Großmächte von dem Vertragsschluß unterrichtet, wobei der Vertragsinhalt bis 1888 geheim blieb.

Auswirkungen des Vertragsschlusses

Für Bismarck besaß der Vertrag zwei Wirkungen. Einmal versuchte er damit die gegen Rußland gerichtete Option Österreich-Ungarn zu gewinnen, zum anderen wollte er damit Rußland verdeutlichen, daß das Bündnis zugleich Abschreckung gegen seine imperialen Ambitionen bedeutete. Gleichzeitig suchte das Deutsche Reich damit einer Isolierung der beiden europäischen Zentralmächte zu verhindern.

Für Deutschland selbst bedeutete der Zweibund, einen berechenbaren Partner zu besitzen und gleichzeitig seine Unabhängigkeit zu behalten. Da Bismarck jedoch bestrebt war, Rußland in ein Dreikaiserbündnis zu intergrieren, bedeutete der Zweibund für ihn vor allem eine “Aushilfe”.

Der Zweibund zeigte insbesondere auf Rußland – Großbritannien gravitierte zwar zum Zweibund hin, wollte ihm jedoch nicht beitreten – entsprechende Wirkung. Es verzichtete auf den Anspruch, Deutschland als Juniorpartner zu gewinnen und seine Balkan-Pläne gegen Österreich-Ungarn um jeden Preis durchzusetzen. Auf eine Reaktion der für Rußland sehr unfreundlichen deutschen Zollpolitik verzichtete St. Petersburg.

Am 18.6.1881 konnte schließlich ein Neutralitäts- und Konsultationspakt zwischen den drei europäischen Kaisern abgeschlossen werden und so der Interessenausgleich zwischen Österreich-Ungarn und Rußland, an dem Bismarck sehr viel lag, gefördert werden.

Ähnliches konnte Bismarck mit dem Abschluß des Dreibund 1882 zwischen Italien, Österreich-Ungarn und Deutschland erreichen und so daß Verhältnis zwischen Rom und Wien entspannen, die wegen Südtirol und Triest in Auseinandersetzung lagen.

Der Zweibund bildete damit nur den Anfang der außenpolitischen Bündnispolitik Bismarcks, auch wenn das Dreikaiserabkommen während der Orientkrise 1887, als der russisch-österreichische Konflikt auf dem Balkan erneut ausbrach, suspendiert wurde und zu Beginn der 80er Jahre nicht vorhersehbar waren.

Als Fortsetzung dieses ausgelaufenen Vertragswerkes ließ Bismarck Graf Herbert von Bismarck mit Graf Peter Schuwalow für die deutsche bzw. russische Regierung den geheimen bilateralen Rückversicherungsvertrag unterzeichnen, wodurch einerseits der Kontakt nach St. Petersburg erhalten werden sollte und andererseits verhindern sollte, daß die Auseinandersetzungen im Handel in einen außenpolitischen Konflikt umschlagen sollten. Der Rückversicherungsvertrag trat dann auch mit dem Auslaufen des Dreikaiserabkommens in Kraft und komplementierte den Orientdreibund zwischen Großbritannien, Österreich-Ungarn und Italien mit Deutschland als stillen Teilhaber, der die russischen Expansionsbestrebungen auf dem Balkan entgegenwirken sollte.[3]

Erst nach dem Abtritt Bismarcks konnten sich die Deutschen zwischen Großbritannien und Rußland nicht mehr zurecht finden. Beide großen peripheren Mächte schraubten ihre Forderungen immer weiter in die Höhe, so daß die deutsche Regierung letztlich nicht mehr entgegenhalten konnte und sich ein russisch-französisches Bündnis, welches natürlicherweise gegen die europäische Zentralmacht gerichtet war, anbahnte.
Hier schließlich gewann der Zweibund neue Bedeutung, der nunmehr sein Defensivcharakter ablegte und zu einem Exklusivbündnis wurde. Deutschland hatte im europäischen Beziehungsgeflecht seine zentrale ausgleichende Rolle verloren und band sich immer stärker an Österreich.

Anmerkungen
[1] Die Ziele Bismarcks wurden im Kissinger Diktat vom 15.6.1877 deutlich: es müsse eine Situation herbeigeführt werden, “in welcher alle Mächte außer Frankreich unserer bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden.”
[2] Die deutsch-britische Option blieb dabei jedoch nur von kurzer Dauer, da Großbritannien jeder kontinentalen Bindung auswich (vgl. Kissinger: Die Vernunft der Nationen)
[3] Als der Rückversicherungsvertrag 1896 in Wien bekannt wurde – nach dem Bismarck gestürzt und der Rückversicherungsvertrag damit gegenstandslos geworden war -, brach in Wien ein Sturm der Entrüstung über Bismarck los.

Literaturhinweise

  • Jürgen Angelow: Bismarck und der Zweibund 1879-90 (Friedrichsruher Beiträge Band 3)Otto-von-Bismarck-Stiftung – Friedrichsruh 1998
  • Henry A. Kissinger: Die Vernunft der Nationen . Über das Wesen der Außenpolitik, Berlin 1996