Torsten Matzak

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Die Forderung nach Selbstentwicklung

Es war wohl nicht geplant, dass Rogan in seinem letzten Kapitel auf den „Arabischen Frühling“ eingeht. Aber der Lauf der Geschichte liess dieses Buch eine nicht gewollte Aktualität haben. Aber auch ohne diesen Abstecher in die allerneueste Entwicklung, die naturgegeben nur unvollständig erfasst werden konnte, hat Rogan ein Werk vorgelegt, welches quasi zur Pflichtlektüre werden wird.

Historische Grundlagen moderner Konflikte

Die Europäer wie die Araber halten gerne die Kreuzzüge für den Grund allen Übels, welches die moderne arabische Welt heimgesucht hat. Das dem nicht so ist, wird bereits am Anfang in den ersten drei Kapiteln deutlich. Es waren die Araber und die Osmanen selbst, die dafür sorgten, dass ihre Kultur den Wechselwirkungen bewaffneter Konflikte ausgesetzt war, in die erst sehr spät die Europäer eingriffen und ihr Scherflein ins Trockene zu bringen suchten.
Detailreich und in bebilderter Sprache stellt Rogan dar, dass der Kampf innerhalb des Orients zunächst zwischen den Ägypten und Osmanen ausgetragen wurde. Während die Osmanen der modernen europäischen Kriegskunst vertrauten und ihre Schlachttechnik daran ausrichtete, waren die Ägypten mit ihren mamelukischen Feldkämpfern an die alte Degenordnung gewohnt und wollten sie auch nicht verlieren. Aber vor allem: sie wollten nicht selber Kämpfen, sondern überließen die Arbeit den Mameluken. Die Golf-Staaten haben bis heute dieses uralte Prinzip der arabischen Welt verinnerlicht und weiterentwickelt.

Die moderne Geschichte: Wechselspiel unter Beteiligung der Araber

Eugene Rogan

Die moderne Geschichte ist nicht zwingend eine Folge von Okkupation, sondern auch eine Einladung gewesen. Rogan stellt auf anschauliche Weise im zweiten Teil die Wechselwirkungen zwischen den Arabern und den Europäern dar. Faktenreich und anhand von zahlreichen Quellen wird deutlich: die Araber haben die Europäer auch eingeladen, ihre inneren Streitigkeiten zu schlichten. Der Kampf um die regionale Vorherrschaft zwischen Sherifen von Al Riyadh and Al Mekka, die Inthronisation der Haschemiten als die Herren von Amman und ihre Träume, sich Syrien einzuverleiben oder die Stabilisierung des Irak – in all diesen Entwicklungen waren die Europäer nur bedingt die treibenden Akteure. Sie waren auch Schlichter und trugen dazu bei, dass sich in der arabischen Welt ein modernes Staatswesen entwickeln konnte.

Bei allen diese Vorzügen darf nicht darüber hinweg getäuscht werden, dass die Europäer – und später die Amerikaner – auch handfeste Machtinteressen vertraten. Rogan macht die anhand der Arabisierung der Öl-Industrie deutlich – die bereits damals Muammar al Ghaddafi zum Feind werden liess. Es ist das Verdient des Autors, dass sich Rogan, Orientalist in Oxford, sich diese Sichtweise nicht zu eigen macht. Er macht deutlich, dass die Emanzipation zwingend war, ohne jede einzelne Entwicklung damit auch zu befürworten.

Neueste Entwicklung mit Skepsis verfolgen

Gerade im letzten Teil des Buches verdeutlicht Rogan aber auch, dass der arabische Frühling des Jahres 2011 mit einem gesunden Maß an Skepsis zu betrachten ist. Zu oft ist die arabische Geschichte ein Auf und Ab von Fortschritt und Rückfall gewesen. Die Hoffnungen, die aus der Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert erwachsen sind, wurden nirgendwo erfüllt – sieht man von dem Wohlstand der Staaten des Gulf Cooperation Council einmal ab. Wenn Rogan ganz zum Schluss schreibt; Damit die arabische Welt den Zyklus der Unterordnung unter die Regeln anderer Volker durchbricht, sind ein ausgewogenes Engagement … sowie der Wille zur Reform … erforderlich“, so schwingt hier ein Misstrauen mit, welches nicht kulturimperalistisch zu sehen ist, sondern aus der Verehrung und Sorge für eine der ältesten Kulturen entspringt.
Auch deshalb ist es dem Werk zu wünschen, dass es nicht nur in westlichen Fakultäten zu einem Standardwerk wird, sondern auch unter den arabischen Führern weite Verbreitung findet. Den Rogan widerspricht nicht der Berechtigung des arabischen Weg, sondern er fordert ihn ein – und die Emanzipation von der Bevormundung wie Schlichtung der westlichen oder jeder sonstiger fremder Mächter.

Eugene Rogan: Die Araber . Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch, Propylän München 2012