Torsten Matzak

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Eine Vision für ein Land im Change Mode

Als der saudische Kronprinz vor rund vier Wochen die neue Zukunftsvision für das Königreich vorstellte, war dies mit viel Vorschusslorbeeren geschehen. Zwischenzeitlich wurden auch die organisatorischen Weichen gestellt, um das Land umgestalten zu können. Es war die dritte große Umgestaltung der Regierung seit der Thronbesteigung durch König Salman im Januar 2015.

Kernelemente der neuen strategischen Ausrichtung

Saudi Arabien vollzieht mit der Vision 2030 einen Weg nach, den die anderen Golf-Monarchien bereits vor einigen Jahren angefangen haben: die Diversifizierung der öl-basierten Ökonomien. Der Aufbau von Fluggesellschaften und die Förderung des Tourismus oder der Digital-Wirtschaft haben in den Emiraten und Qatar dafür gesorgt, dass die Wirtschaften zwischenzeitlich auch ohne die Öl- und Gaseinnahmen überleben würden – Dubai hat die Abhängigkeit bereits überschritten und lebt nur noch zu einem geringen Teil und für die Investitionen vom Öl.

Die Saudi haben erkannt, dass trotz der immer noch immensen Öl-Vorräte auch eine Vorsorge für die Zeit danach getroffen werden muss. Bislang wird die Wirtschaft von ausländischen Arbeitskräften auf allen Ebenen dominiert und auch die Saudisierung konnte daran nichts ändern. Die Saudisierung hat vielmehr zu dem neuen Phänomen der Schein-Arbeitslosigkeit geführt, in dem saudische Mitarbeiter angestellt, bezahlt – aber real nicht beschäftigt werden. Bis heute wird die Ausbildungsqualität als mangelhaft eingestuft.

Dies war auch die wesentliche Einschätzung der Regierung, die den Bildungs- und Berufsbildungssektor zum Kernelement der neuen Strategie erkoren hat. Während derzeit noch 95 Prozent einer Jahrgangskohorte an die Hochschulen strebt, soll dieser Anteil umgebaut werden auf nur noch 50 Prozent – und gleichzeitig die Qualität der Studiengänge massiv erhöht werden. Gerade aber die

Privat vor Staat

Ein zweites Kernelement ist ein höheres Vertrauen in die Privatwirtschaft sowohl bei klassischen Staatsaufgaben wie auch bei bisher vom Staat wahrgenommenen Aufgaben. Mit der Teilprivatisierung von Saudi Aramco, dem Staatsölkonglomerat, welches in den 1960er Jahren verstaatlich und zwischenzeitlich ein Staat im Staat ist, soll letztlich nicht nur die Veränderung der Gesellschaft finanziert, sondern auch ein neuer Drive in die Wirtschaft gebracht werden.

Die Privatisierung schlägt aber auch auf Staatsleistungen um. So sollen wesentliche Leistungen im Bildungsbereich privatisiert werden, einen Weg, den man für den Berufsbildungsbereich bereits seit 2013 mit mäßigem Erfolg gegangen ist. Dies zeigt aber, dass man die schlechten Leistungen des saudischen Bildungssystems sehr genau analysiert hat und der Regierung bewusstwurde, dass dies die zentrale Ursache für die Unterbeschäftigung der eigenen Bevölkerung ist. Die Abhängigkeit von außen kann daher nur dann gelingen, wenn der Ausbildungssektor radikal umgekrempelt wird und die Qualität steigt.

Change Mode

Man merkt es an allen Ecken und Enden: Saudi Arabien befindet sich im Übergang und dieser macht nicht vor den ökonomischen Fragen halt. Erstmals wurde eine Behörde eingerichtet, die sich um das Entertainment kümmern soll und auch in der Vision 2030 ist ausdrücklich festgehalten, dass die eigene Bevölkerung zu Aktivitäten im Theater- und Kunstbereich angehalten werden soll. In einem Land, welches bislang keine Kinos, Konzerte oder Theater kennt, ist dies eine radikaler Kulturbruch, der auch der auch den gesellschaftlichen Zwängen nicht Halt machen wird. Alle großen Umbrüche der letzten hundert Jahre wurden zu einem maßgeblichen Teil von der kulturellen Elite mitgeprägt und wenn mit dem Instrument der Kunst die eigene Gesellschaft persiflieret wird, hebt dies die innergesellschaftliche Diskussionskultur.

Und eines dürfte feststehen: Saudi Arabien ist in fünf Jahren bereits ein anderes Land.