Torsten Matzak

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Wer rauskommt, muss auch wieder reingehen

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Die Reaktion der Türkei war absehbar: sie protestierte im Vorfeld gegen die Debatte über die Armenier-Resolution und sie zog den Botschafter aus Deutschland „zu Konsultationen“ ab. So war es in Frankreich, so war es in Österreich und so war es in den USA. Man brauchte also kein Hellseher zu sein um zu zeigen, dass der türkische Botschafter seinen Flug bereits einige Tage vor dem 2. Juni 2016 Richtung Ankara gebucht hatte.

Aber es war gleichzeitig richtig, dass der Bundestag diese nicht ganz unwichtige Debatte geführt hat und die Resolution zum Armeniergenozid auch so getroffen hat. Dennoch lohnt es sich, die Debatte ein wenig zu vertiefen – in Richtung der Türkei, aber eben auch in Richtung Deutschlands selbst.

GenozidgedenkstelleJerewan

Gedenkstätte an den Völkermord in Jerewan, Hauptstadt von Armenien

In Richtung der Türkei

Anders als viele Kommentatoren auf Facebook oder anderswo andeuten, richtet sich die Resolution nicht gegen die heutige Türkei, sondern allenfalls gegen die Geschichtsstrategie der modernen Türkei. Der Armeniergenozid war 1915/16 in der Verantwortung des Osmanischen Reiches geschehen – in dessen Tradition sich die moderne Türkei zwar durchaus sieht, deren Verbrechen sie sich jedoch nicht alle zu eigen machen muss. Hier liegt das grundfalsche Verständnis der heutigen türkischen Politiker (und nicht erst seit Erdogan): sie sehen entsprechende Erklärungen ausländischer Staaten als Erklärung gegen sich und nicht als historische Erklärungen, die häufig auch mehr an die eigene Bevölkerung gerichtet sind nach dem Motto „Wir zeigen Gesicht“.

Was die Türkei sich jedoch aus den Erklärungen ziehen sollte ist die Frage, dass man auch unangenehme Kapitel der eigenen Geschichte annehmen und umgehen muss. Die von der Türkei vielbeschworene Historikerkommission wird nicht zu einem wesentlich anderen Ergebnis kommen als es die zahlreichen Historiker bereits publiziert haben. Die Hohe Pforte hat sehr bewusst die Armenier, die ihnen zuvor noch als Unterstützer zur Seite standen und deren Loyalität sich der Sultan nicht mehr sicher war, in die Wüste geschickt und sie dort krepieren lassen. Es war kein industrialisierter Mord wie der Holocaust und es war auch keine bewusste Ausrottung wie die Niederschlagung des Herero/Nama-Aufstandes in Namibia – aber es war die bewusste und durchaus rassistisch begründete Inkaufnahme des Todes einer Volksgruppe.

Mit der Annahme dieser Geschichte würde sich die Türkei einen großen Dienst erweisen. Sie sieht sich nicht zu Unrecht in der Tradition der Hohen Pforte von Konstantinopel, die eine glanzvolle Geschichte erlebt hat und bis heute die einzige politische Kraft war, die die Muslime weitgehend unter einem Dach vereint hat. Aber dabei ist es nicht nur an den Armeniern zu Verbrechen gekommen, sondern auch in vielen anderen Teilen des weitläufigen Reiches. Die Türkei unter Erdogan hat gerade in den letzten Jahren viele Konfliktlinien, die auch in der Geschichte liegen, mit den anderen islamischen Staaten bereinigt und damit in der islamischen Welt ein hohes Ansehen zurück erhalten. Das damit auch ein wirtschaftlicher Erfolg verzeichnet wurde – die Türkei ist neben Saudi Arabien das einzige Land in der G20 und anderes als Saudi Arabien begründet sich diese Mitgliedschaft nicht in der Tatsache des Öl-Förderers – sei dabei nur am Rande erwähnt. Eine etwas offenere Betrachtung der Vorgänge von 1915/16 würde viele Konfliktlinien sowohl zu seinem kaukasischen Nachbarn Armenien bereinigen wie auch eine Angriffsfläche von westlicher Seite bereinigen.

In Richtung Deutschland

Der Bundestag hat am 2. Juni 2016 aber keine Sternstunde abgegeben. Mehr als die Hälfte der Abgeordneten war der Debatte ferngeblieben und auch die Kanzlerin, ihr Vize und ihr Außenminister waren lieber „auf anderen Terminen“. Man könnte dies Feigheit vor dem Feind nennen (wenn die Türkei der Feind wäre), aber man sollte es eher als ein Symptom der mangelnden Diskussionskultur in der deutschen Politik ansehen. Dies ist eine andere Debattenlinie.

Den eigentlich zentralen Punkt hat der Hamburger Historiker Juergen Zimmerer verdeutlicht hat:

Zimmerer: Die Türkei vertritt bis heute die Auffassung, dass es keinen Völkermord gab. Das ist ein Ausdruck großer Geschichtsvergessenheit. Aber die deutsche Politik hätte sich, bevor sie mit erhobenem Zeigefinger auf Ankara deutet, zu ihrer Verantwortung für einen anderen Genozid bekennen müssen.

SPIEGEL: Welchen meinen Sie?

Zimmerer: Den Völkermord an den Herero und Nama in Namibia durch das deutsche Kaiserreich. Dieser Genozid fand elf Jahre vor den Massakern an den Armeniern statt. Es ist schon sehr eigenartig, dass der Bundestag bislang nicht den Mut gefunden hat, diese deutsche Schuld klar zu benennen.

Trotz zahlreicher Anläufe der jeweiligen Oppositionsparteien und vor allem der namibischen Nach-Apartheidregierung hat es der Bundestag bis heute nicht geschafft, die Niederschlagen des Nama/Herero-Aufstandes als Genozid zu bezeichnen und sich auch im Zweifel auch der finanziellen Verantwortung zu stellen. Die Gründe sind hierfür nur schwer ergründbar, hat doch gerade Deutschland mit der Geschichte des Nationalsozialismus und Holocausts gezeigt, dass eine solche Aufarbeitung zwar schmerzhaft ist, aber auch einen durchaus spürbaren Gewinn bringen kann – in der Welt und auch in der Heimat.

Aber Namibia ist wohl doch zu weit weg und die Zeit darüber zu weit fortgeschritten, als dass sich die deutsche Politik diesem schmerzhaften Prozess stellen würde wollen. Die möglichen finanziellen Folgen können es nicht sein – Deutschland hat in schlechteren Zeiten die weitaus größeren finanziellen Lasten des Ausgleichs mit den Zwangsarbeitern tragen können (2002). Deutschland genießt bis heute auch unter den Nama und Herero einen durchaus guten Ruf. Aber genau dieser wird durch eine immer wieder hinausgezogene Erklärung und die Einstufung als Völkermord gefährdet.

Es wäre daher an der Zeit, auch hier ein deutliches Signal zu geben, welches durchaus dann auch die anderen Verbrechen des deutschen Kolonialreiches einschließen darf. Der Tintenpalast in Namibias Hauptstadt Windhoek wartet hier bislang vergebens auf dieses Zeichen von historischer Verantwortung und historischer Größe.

Die Türkei zum Schluss

Die Türkei hat aus der jahrzehntelangen internationalen Debatte durchaus gelernt. Waren die Reaktionen auf ähnliche Resolutionen der französischen Nationalversammlung (2001) oder des schwedischen Reichstages (2010) noch durchaus harsch, klingt die Erklärung des türkischen Premiers wesentlich sanfter:

Ungeachtet der Umstände werden wir unsere Beziehungen zu unseren Freunden und Verbündeten fortsetzen. … Deutschland und die Türkei sind zwei sehr wichtige Verbündete … Niemand sollte erwarten, dass sich unsere Beziehungen zu Deutschland durch diese oder ähnliche Entscheidungen von jetzt auf gleich völlig verschlechtern.

Trotz der Verschiebung des türkischen Koordinatensystems gen Osten ist der türkischen Regierung durchaus bewusst, dass es in Deutschland einen wichtigen europäischen Verbündeten hat, vielleicht den wichtigsten Verbündeten innerhalb der westlichen Welt. Der türkische Botschafter, ob nun Hüseyin Avni Karslıoğlu oder ein anderer Diplomat, wird deshalb rasch zurück kehren nach Berlin. Die Türken wissen: Die Erklärung war eine an die deutsche Innenpolitik und der Bundestag hat allein die Präsenz von weniger als 50 Prozent seiner Mitglieder deutlich gemacht, dass es sich hier um kalten Kaffee handelt. Karslıoğlu’s Dienstreise war deshalb eher ein Zeichen diplomatische Selbstbeherrschung als ein Zeichen ernsthafter Verärgerung.

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