Torsten Matzak

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Wenn Clinton gegen Trump antritt

Gerade für die Republicans wird es gerade eng im Kampf um das Weiße Haus. Wurde Donald Trump anfangs belächelt und man hat ihn als Polit Clown verspottet, so zeigt sich nunmehr, dass der Frust am Washingtoner Establishment unter den republikanischen Wählern besonders groß ist. Ob die Wähler ihn am 5. November 2016 wirklich in das Oval Office wählen würden, ist eine andere Geschichte. Ob dem Establishment der Republicans haben sie einen gehörigen Schreck eingejagt.

 

Acht Jahre nach dem ersten Anlauf …

… könnte sich für Hillary Clinton dagegen der Traum von dem Platz, den ihr Gatte einst innehatte, verwirklichen. Noch im Januar und nach den ersten Vorwahlen sah es kurzzeitig so aus, dass auch die Democrats den Versuch unternehmen, durch einen extrem (links) stehenden Kandidaten auszutesten, wieweit sie die politische Verdrossenheit umsetzen können.

Clinton hat jedoch den Turn around geschafft. Bernie Sanders, ein langjähriges Mitglied des Kongresses in D.C., hatte jedoch auch hier, die zwar populär, aber auch ebenso verhasst ist, in den ersten Wochen ein Deja vu bereitet. Es waren auf demokratischer Seite vor allem die Enttäuschten mit der Regierung Clinton, die Sanders, aber nicht seinen Kurs, unterstützt haben. Obama, in dessen erster Amtszeit Clinton Außenministerin war, hatte zu viele Versprechungen nicht eingehalten, für die er gewählt war und für die auch Clinton gestanden ist.

Clinton konnte das Ruder noch einmal herumreißen, was aber auch daran lag, dass Iowa und New Hempshire zwar den Auftakt machen im vierjährlichen Rennen um das Weiße Haus. Aber die Schlacht anderswo geschlagen wird. Und die großen Staaten sind bei weitem nicht so experimentierfreudig wird die beiden Nordostküstenstaaten. Clinton kann in der demokratischen Wählerschaft auf eine solide Basis vertrauen, die sie im Juli schließlich zur Anwärterin als erste Hausherrin im Weißen Haus machen werden.

 

Donald Trump vom Polit Clown zum Kandidaten

Vollkommen anders sieht die Situation auf der anderen Seite des politischen Lagers aus. Die Republicans waren von Beginn der Presidential Campaigns gespalten wie nie und gingen mit teilweise mehr als 20 Kandidaten in das Rennen. Donald Trump, Milliardär und Bautycoon, rollte schon früh das Feld auf. Dadurch, dass er auf alle Wahlkampfspenden verzichtete, war er auch nicht mehr auf Rücksichtnahme gegen einzelne Gruppierungen angewiesen. Insbesondere entzog er sich der Kontrolle der republikanischen Parteiführung, die sich teilweise offen gegen den Populisten stellte.

Trump erreichte mit seinen Parolen gegen eine Affirmation Policy, eine Schließung der Grenzen der USA für Einwanderer und seine Attacken gegen Muslime eine hohe Popularität. Er griff damit Ängste in der Bevölkerung auf – ohne, dass er damit auch Antworten lieferte. Dies jedoch viel weniger auf und seine Gegenspieler im eigenen Lager waren gezwungen, mitzuspielen und vergaßen, dem Populisten die Maske abzuziehen.

Jeb Bush, der Kandidat des Establishments, musste bereits frühzeitig erkennen, dass seine Kandidatur auf tönernen Füßen stand. Denn mit dem „Handicap“, der Bruder eines der unbeliebtesten Präsidenten der U.S.-Geschichte zu sein und dem Populisten Trump an seiner Seite, konnte er nicht durchdringen. Seine eigentlichen Stammwähler, die Hispanics, wählen zudem traditionell eher demokratisch – und so musste er bereits nach der dritten Vorwahl in South Carolina das Handtuch werfen.

Für die Republicans wird es mit einer sich abzeichnenden Kandidatur Trumps schwer, wirklich in der Mitte der Gesellschaft Fuß zu fassen. Seine Positionen sind nicht nur bei den sogenannten Minderheiten nicht vermittelbar, sondern auch bei weiten Teilen der weißen Wähler in allen Bundesstaaten. Diese hatten sich noch auf die Tea Party eingelassen – aber nachdem deren Rezepte keine Erfolge zeigten, werden sie dies nicht noch einmal tun.

Trump wird deshalb ein Kandidat ohne Land bleiben. Er wird formal wohl im Juni auf den republikanischen Kandidatenthron gehoben werden und dann auch mit seinen Selfmade-Millionen allein bleiben – und die republikanische Partei den Wahlkampf bereits frühzeitig verloren geben. Im November wird sie vielmehr alles daran setzen, auf Governors-Ebene und im Kongress ihre Macht auszubauen und dort ein wirksamen Gegengewicht zu Hillary Clinton zu institutionalisieren.

Hausausweis und Akteneinsicht . Der Streit um die Informationsfreiheit

Der Staat und seine Bürger. Dies ist ein durchaus soziologisch interessantes Verhältnis, der der Bürger traut dem Staat grundsätzlich nicht. Wer kennt sie nicht, die Klage, dass die Beamten im Bauamt nur rumsitzen und sich einen Dreck um das Wohl der Gemeinde kümmern. Und da gibt es natürlich noch die große Ebene der Politik und die Klage, „die in Berlin“ wären sowieso alle korrupt.

Hausausweise und das Recht auf Informationsfreiheit

Die selbsternannte Bürgerlobby mit rund 2.000 Unterstützern hat im Sinne von mehr Transparenz wissen wollen, an wen der Bundestag alles Hausausweise ausgestellt hat. Während die Lobbyliste bereits jetzt beim Bundestag öffentlich einsehbar ist, gibt es auch den diskreteren Weg, über die Fraktionen an einen Hausausweis zu gelangen. SPD und CDU/CSU weigerten sich, ihre Zustimmung zur Veröffentlichung zu geben. Deshalb zogen sie vor Gericht und gewannen in erster Instanz. Soweit so gut. Streitigkeiten zwischen dem Staat und seinen Bürgern kommen tagtäglich vor und werden vor den Verwaltungsgerichten ausgetragen. In dem bundesdeutschen Rechtsstaat hat jede Prozesspartei dann auch das Recht, in Berufung und Revision zu gehen und erst im Juni 2015 wurde durch das Bundesverwaltungsgericht eine wichtige Weiterentwicklung des Informationsfreiheitsgesetz vorgenommen ().

Was dann jedoch folgte, zeigt den wahren Charakter der Initiatoren: sie versuchen, die Rechte des Bundestages und seiner Fraktionen zu beschneiden. Da eine Klage Geld kostet, müssen nahezu im Wochentakt neue Bettelemails verschickt werden und die Überschriften – eine kleine Auswahl – haben es in sich:

„Auf Steuerzahlerkosten gegen Transparenz“ (25.06.2015)

„Lobbyisten-Hausausweise: Bock zum Gaertner“ (26.07.2015)

„Geheime Lobbykontakte: Bundestag spielt auf Zeit“ (03.09.2015)

Im Kern geht es darum, dass der Bundestag seine prozessualen Rechte wahrnimmt. In den Worten der selbsternannten Transparenzwächter aus Hamburg spielt der Bundestag jedoch auf Zeit

Für uns besteht kein Zweifel daran, dass der Bundestag den Prozess in die Länge ziehen möchte. … Außerdem hat sie über ihre Anwälte bei Gericht schon dreimal eine Fristverlängerung beantragt.

Die Frage ist natürlich: Warum spielt der Bundestag augenscheinlich auf Zeit? Ein sinnvolle Antwort darauf kann auch abgeordnetenwatch.de nicht geben. Abgeordnetenwatch.de geht es damit jedoch nicht um ein geordnetes Verfahren, in dem die widerstreitenden Positionen entschieden werden, sondern ausschließlich um die Durchsetzung seiner eigenen Position.

Rundumschlag: Auch die Bundesbeauftragte bekommt ihr Fett weg

Es war aber nicht nur der Bundestag, der für den Berufungsantrag kritisiert wurde, sondern auch die Ombudsfrau in Sachen Informationsfreiheit. Die Bundesbeauftragte für Informationsfreiheit ist einerseits eine unabhängige Vermittlerin, wenn Bürgerinnen und Bürger sich in ihren Rechten verletzt fühlen, andererseits soll sie zu einer Verbesserung des Informationszugangs beitragen. Unabhängig bedeutet dabei vor allem, dass sie eine Schiedsrichterfunktion wahrnehmen soll und hierbei auch eine eigene Meinung sich bilden darf, oder besser: soll und muss. Sie ist weder verpflichtet, dem Antragsteller noch der Verwaltung Recht zu geben.

abgeordnetenwatch.de hatte Frau Voßhoff nach dem ablehnenden Bescheid des Bundestages eingeschalten (https://www.abgeordnetenwatch.de/blog/2015-07-01/lobbyisten-und-der-bundestag-wie-die-bundesbeauftragte-fur-informationsfreiheit-sich). Aber mit der Arbeit waren sie dann nicht zufrieden, denn Frau Voßhoff hat nicht einfach an selbsternannten Wächtern Recht gegeben, sie hat sich eine eigene Meinung gebildet:

Man habe den Bundestag angeschrieben und um Stellungnahme gebeten. Voßhoffs Beamte taten allerdings noch etwas ganz anderes, was gar nicht Gegenstand unserer Eingabe gewesen war: Sie prüften, ob die Bundestagsverwaltung mit der Ablehnung unserer IFG-Anfrage richtig lag. Überraschendes Ergebnis dieser Prüfung: Die Informationsblockade der Bundestagsverwaltung, die uns weder die Anzahl der Lobbyvertreter mit Hausausweis noch eine Auflistung der betroffenen Interessenverbände herausgeben wollte, sei rechtlich vollkommen in Ordnung. Wie sie zu dieser Einschätzung kam, verriet die Beamtin in ihrem Schreiben vom 18. November 2014 nicht.

Die unabhängige Ombudsfrau hatte damit etwas gemacht, was ihr klarer gesetzlicher Auftrag ist, denn um zwischen den Parteien vermitteln zu können, muss man sich ein eigenes Urteil bilden. Dies mag dann auch einer Seite nicht gefallen. Für abgeordnetenwatch.de scheint dies aber als Wesen der Vermittlung nur dann akzeptabel zu sein, wenn die Meinungsbildung in die Richtung des „Demokratie“-Vereins geht.

Dabei hat diese Sichtweise eine lange Tradition bei dem Verein.

Fehlendes Verständnis von Meinungsfreiheit

Was abgeordnetenwatch.de fehlt ist ein Verständnis von Meinungsfreiheit, welches unterschiedlichen Meinungen freien Raum lässt. Die Vorsitzenden Hackmack und Heckele können Widerspruch ebenso wenig vertragen wie die Tatsache, dass auch andere Beteiligte in einem Verfahren Sichtweisen und Verfahrensrechte haben.

Dies jedoch ist ein grundsätzliches Problem, denn wer sich im öffentlichen Raum bewegt muss auch akzeptieren, dass ihm keine durchgehende Zustimmung widerfährt. Dies ist das Wesen der freien demokratischen Diskussion und dies müsste gerade von denjenigen anerkannt werden, die für ein höheres Maß an Transparenz vermeintlich kämpfen.

Was ist mit den Hausausweislisten gewonnen?

Um es kurz zu sagen: Die Listen bringen nichts. Sicher, damit ist dann öffentlich bekannt, wer den Bundestag unkontrolliert auf Basis welcher Fraktionsgenehmigung betreten kann. Aber:  der Hausausweis öffnet nur Türen, nicht Ohren. Jeder Mensch kann den Bundestag auch ohne Hausausweis besuchen und braucht dann eben nur ein paar Minuten länger beim Eingang.

Wie oft die Lobbyisten wirklich mit welchem Abgeordneten sprechen, ist daraus nicht nachvollziehbar. Und die Einflussnahmen sind ebenfalls daraus nicht ersichtlich. Vielmehr steckt aber gerade hinter der Diskussion, die abgeordnetenwatch.de und andere Organisationen mit so etwas anzetteln, der beständige Vorwurf, Abgeordnete würden über ihre Initiativen nicht selber entscheiden. In diesem Duktus sind Abgeordnete vielfährige Werkzeuge von Lobbyisten. Die Interessenvertretung – und natürlich auch die Meinungsbildung der Abgeordneten – ist komplexer. Unbotmäßige Einflussnahme kann nicht per Dekret oder der Listenveröffentlichung verhindert werden.

Und dies ist auch nicht erforderlich. Kontakte zu gesellschaftlichen Gruppen wie Unternehmen, ob sie nun gemeinwohlorientiert sind oder Interessengruppen dienen, sind wichtig und richtig. Sie geben ein Gespür, was in der Gesellschaft wichtig ist und sie geben einen fachlichen Input. Niemand sollte daher davon ausgehen, dass Abgeordnete Einflüsterten ausgesetzt sind und sich allein auf einen einzigen Lobbyisten ausgerichtet sind.

Fazit

Die Diskussion, die abgeordnetenwatch.de angestoßen hat und vor allem, wie diese kleine Organisation sie medial führt, hat letztlich nur eine Zielrichtung: die Erhöhung der allgemeinen Politikverdrossenheit. Heckele und Hackmack tragen die Verantwortung dafür, dass „die da oben“ immer stärker als korrupte Tagediebe gelten, ohne dass daraus eine höhere Mitverantwortung der Gesellschaft resultiert.

Transparenz ist wichtig, ebenso wie die Diskussion über die Einflussnahme von Interessenvertretern. Die Einseitigkeit auf die bürgerliche Schiene und ihre kommunikative Ausrichtung haben jedoch mehr als ein Geschmäckle.

Das Land der Finsternis

Nachdem ich im vergangenen Jahr bereits auf ein Buch über eine nordkoreanischen Flüchtling gestoßen war, fiel mir vor rund 1,5 Wochen das schon etwas ältere Werk von Barbara Demick in die Hände. Die US-amerikanische Journalistin war Korrespondentin der Los Angeles Times in Seoul und hatte aus ihren zahlreichen Interviews mit nordkoreanischen Flüchtlingen eine Zusammenstellung gemacht. Es ist kein Buch eines Akademikers, der sich aus historischer oder politologischer Sicht dem Land der Finsternis nähert, welches in den vergangenen 20 Jahren durch Atomversuche und Hungersnöte immer wieder in den Weg in die Medien gefunden hat.

Demicks Report konzentriert sich auf vier Familien ganz unterschiedlicher Herkunft aus der im Norden der kommunistischen Erbmonarchie gelegenen Stadt Ch’ŏngjin. Sie stammen aus unterschiedlichen Kasten und sind alle unterschiedlich in ihrer Treue zu den gottgleichen kommunistischen Führern Kim Il Sung und King Jong Il. Sie eint vor allem eines: der absolute Hunger und die Flucht. Alle vier Familien glauben mehr oder weniger an die Propaganda, dass Nordkorea das Paradies auf Erden ist und um sie herum in China, Südkorea oder die USA noch mehr Menschen Hunger leiden als in Nordkorea. Das höchste Gut und das Glück ist die Mitgliedschaft in der Arbeiterpartei Nordkoreas.

Aber es eint noch etwas über alle vier Handlungsstränge hinweg: die Protagonisten eint die Angst davor, eine der vielen Regeln zu verletzen und dafür mit dem Bannstrahl der Kommunisten belegt zu werden, in das Arbeitslager zu wandern. Wer in einer Diktatur gelebt hat, kennt dieses Gefühl der immer währenden Regeln und der beständigen Umsicht, das Regime könnte erfahren, dass man an die Parolen nicht ganz so glaubt. In Nordkorea ist dies aber alles noch ein Stück weit ausgeprägter und der Kontrollwille des Staates absolut. Ein Entweichen gibt es nicht, verschlossene Türen machen verdächtig und der inminbun, der nordkoreanische Blockwart, war allgegenwärtiger, als man dies aus anderen Regimen jemals gehört hat.

Die Geschichte des Liebespaares, welches bereits wegen den gesellschaftlichen Konventionen die Liebe nur in der stockdunklen Nacht in Spaziergängen auslebt, ist eigentlich eine Liebesgeschichte wie an jedem anderen Platz der Welt. Aber sie ist auch gekennzeichnet dadurch, dass Mir Ran, die Angebetete des Jugendlichen Jun Sang, aus einer niedrigen Kaste südkoreanischer Kriegsgefangener stammt. Ihren Schwestern ist der Zugang zur Universität verwehrt. Aber Jun Sang, der in der grossen verbotenen Stadt Pjoengjang studiert, weckt in Mi Ran den kritischen Blick. Während Jun Sang an die Beziehung recht unbekümmert heran geht, steht für Mir Ran immer die „niedrige Klasse“ ihrer Herkunft im Wege. Denn: so sehr sie ihren Holden auch liebt, seinem Glück will sie nicht im Wege stehen.

Großtreffen der Kommunistischen Partei in Nordkorea

Oder Frau Song, die an nichts fester glaubt als an die Partei, auch als diese Mann und Sohn verhungern lässt. Als inminbun gehört sie zu den Treuesten der Treuesten, die tief traurig den Tod Kim Il Sungs 1993 betrauert hat. Auch der Hungertod von Mann und Sohn bringt sie nicht von der Treue zur Partei ab. Erst als sie in China, wo sie ihre bereits nach Südkorea geflohene Tochter hinlockt und sie dann nach Südkorea nachholen will, sieht, wie lange sie von ihrem geliebten Führer betrogen wurde, ändert sie ihre Meinung und geht ebenfalls nach Südkorea.

Es sind die Geschichten eines unmenschlichen Regimes, welches seine eigene Bevölkerung den Hungertod sterben lässt und gleichzeitig größenwahnsinnige Pläne einer Atombombe voran treibt. Demick hat einen Bericht vorgelegt, der zwar leicht geschrieben ist, aber schweren Tobak beinhaltet.

Demick zeigt aber auch, dass eine fortlaufende Indoktrination eine tiefgreifende Wirkung hat. Die Menschen Nordkoreas kennen nichts anderes als den grossen und geliebten Führer, die durch eine göttliche Genialität ausgezeichnet sind. Für die Probleme des Landes ist nicht deren Führung verantwortlich, sondern die USA. Sie schätzen sich glücklich, auch wenn es in der größten Not sogar den Verdacht gibt, dass seitens der staatlichen Behörden Korruption waltet.

Nordkorea zeigt einmal mehr, wie weit der menschliche Verstand in der Not faktisch ausgeschaltet wird. Wenn eine Lehrerin wie Mi Ran erzählt, dass sie im Angesicht des Hungers ihrer Schule nichts von ihrem Essen abgab, dann muss etwas nicht in Ordnung sein in dieser Gesellschaft. Und erst Recht, wenn sich für die Hungerleichen am Strassenrand niemand mehr interessiert. In der Not kennt der Mensch nur noch sich selber, insbesondere wenn diese Not über einen langen Zeitraum existiert.

Demick zeichnet ein Bild von einem Land, welches sich aus den bisherigen Berichten so gar nicht ergibt. Sie geht in die Provinz, die weit schlechter versorgt wird als das Schaufenster Pjoengjang. Gerade der Vergleich, den der Elitestudent Jun Sang, der in der Hauptstadt studierte, machte dies deutlich: während seine Freundin Mi Ran lieber einen langen Weg zu ihrer Universität in Ch’ŏngjin in Kauf nahm, da das Wohnheim nicht beheizt war und die Versorgung katastrophal, musste ihr Freund weder hungern noch frieren. Demick berichtet so aus einer Provinz, die sonst von den Zensoren bewusst geschnitten wird. Denn dann würde das sauber aufgebaute Propagandabild endgültig zusammen brechen.

Barbara Demick: Im Land des Flüsterns . Geschichten aus dem Alltag in Nordkorea
Knaur Verlag 2013

“ich habe das gefuehl, langsam menschlich zu werden.“

Wenn ein Mensch sich selbst daran erinnert, dass er eigentlich keine menschlichen Verhaltensweisen hatte, so muss viel passiert sein.

Nordkorea ist ein Land, welches wohl zu den skurillsten Erscheinungen der Weltgeschichte mutiert ist. Und gleichzeitig ist es zu einer der grausamsten, menschenverachtensten Diktaturen geworden. Wer Shin In Geuns Bericht ueber sein Leben und seine Flucht liesst, bekommt jedoch einen ungefaehren Eindruck dessen, was es bedeutet, als so minderwertig angesehen zu werden, dass ihm nicht einmal die Propaganda des nordkoreanischen Systems zu Teil wurde.

Shins Verbrechen war ein recht einfaches, welches er nicht einmal beeinflussen konnte: sein Onkel war im Korea-Krieg in den Sueden des geteilten Landes gefluechtet. In diesem Moment war seine Familie damit als unzuverlaessig eingestuft, lange bevor Shin ueberhaupt geboren wurde. Seinen Vater sah er, wenn die Waerter des Lagers 14 ihm die Besuche einmal erlaubten und zu seinem Bruder hatte er kein wirkliches Verhaeltnis. Dies praegte aber auch seine Beziehung zu seinen Eltern.

Es war der Futterneid in seiner dramatischsten Erscheinung, der Shins Verhaeltnis zu seiner Familie praegte. Seiner Mutter stahl er ihre karge Mahlzeit – weil er selbst einem staendigen Hunger ausgesetzt war. Statt Mutterliebe bekam er Schlaege von seiner Mutter und von seinen Waertern und „Lehrern“ eingetrichtert, jede Regelverletzung auch von seinen Eltern zu melden. Wer mit staendigem Hunger und der Erziehung zur gegenseitigen Bespitzelung aufwaechst, bis zu seinem 13 Lebensjahr nicht eine irgendwie geartete Form der Zuneigung und stattdessen einzig die primitivsten Formen des Ueberlebens kennen lernte, der hat nie die einfachsten Formen des Menschlichseins kennen gelernt.

Als Shin bereits aus North Korea gefluechtet war und in den USA lebte, kamen ihm die Gedanken, die wohl die innersten Werte eines Menschen sind und unter normalen Umstaenden wuerde Shins Umwelt ihn dafuer zu Recht mindestens moralisch verurteilen. Vordergruendig verriert er die Fluchtplaene seiner Mutter und seines Bruders, weil seine Mutter seinem Bruder Reis kochte – ein Luxusgut, wenn man sonst nur Maisbrei zum Essen bekommt. Tiefer gehend war es jedoch ein Ueberlebensinstinkt. Denn wenn die Flucht geglueckt waere, waere er selber totgeweiht. Shin lebte nicht unter normalen Umstaenden und deshalb muss sich jeder fragen, der sollte sich deshalb fragen, wie er sich selber in gleicher Situation verhalten wuerde. Und da sich wohl niemand in Shin In Geun’s Lage wuenscht, verbietet sich jede Verurteilung.

Aber die neunmonatige Haft, die Folter, zerstoerte auch sein Verhaeltnis zu seinem Vater endgueltig – obwohl sich dieser nun wohl erstmals darum bemuehte, seinen Sohn irgendwie zu schuetzen. Auch wenn er seinen Vater von Zeit zu Zeit besuchte, im tiefsten Herzen verachtete er ihn – dafuer, dass er sein Vater war. Shin brachte es nicht einmal uebers Herz ein Geschenk seines Vaters anzunehmen, obwohl es das wertvollste war, was es im Lager 14 gab … Essen. Erst als er fluechten wollte, zeigt er etwas wie Liebe zu seinem Vater und gleichzeitig Schuldgefuehle. Denn Shin wusste: er wuerde seine eigene Flucht mit seinem Leben bezahlen oder zumindest erneut schwer gefoltert. Aber dennoch verriet er seine Fluchtplaene nicht, denn ein inneres Misstrauen blieb.

Und so waren es nicht seine eigenen Angehoerigen, die ihm etwas wie menschliche Naehe gaben. Sondern ein Mithaeftling, der ihm nach der Folter im Gefaengnisgefaengnis wieder gesund pflegte, sein Essen mit ihm teilte und ihm den Traum von Freiheit gab. Dieser Traum – fuer Menschen- und Buergerrechtler wohl mehr als befremdlich – bestand diese Freiheit jedoch nicht darin, zu sagen was er wollte oder zu gehen, wohin ihm trachtete. Freiheit bedeutete fuer Shin, zu essen was er wollte – und zu essen, soviel er wollte. Fuer jemand, der nie Hunger leiden musste, ein sonderbarer Freiheitsbegriff. Fuer Shin der Inbegriff der Freiheit und er interessierte sich auch nicht fuer die Erzaehlungen seines lebenserfahrenden Freundes Park ueber die politische Freiheit.

Shins Erzaehlung laesst einen deutlich spueren, in welchen Verhaeltnisses die Lagerhaeftlinge leben: Exkremente, Laeuse, Hunger und ein Leben in Lumpen. Die Erzaehlung ist so lebendig, dass sich der aufmerksame Leser den Leiden und dem Elend nicht entziehen kann. Und auch der Tatsache, dass Shin dies noch nicht einmal so empfindet, denn er hat nichts anderes erlebt. Hier hat auch der jahrelange Hinweis auf die Minderwertigkeit des eigenen Lebens seine Wirkung gezeigt. Sicher, als die Kinder der Waerter sie immer mit Steinen beworfen haben, merkte er: hier stimmt etwas nicht. Aber er hatte nicht die Macht, dies zu aendern und letztlich ertrug er dies wohl auch deshalb, weil der Futterinstinkt staerker war als das Gerechtigkeitsempfinden. Shin zeigt, was es heisst, dass er von Geburt dazu getrieben wurde, zu „normalen menschlichen Gefuehlen nicht imstande“ zu sein.

Shin aenderte seinen Namen, nachdem er in Suedkorea angekommen war – und liess damit sein altes Leben hinter sich. Und dies war mehr, als das Lagerleben. Es war auch die Gefuehlslosigkeit und die Gleichgueltigkeit, die ihm in Camp 14 anerzogen war. “Ich habe das Gefuehl, langsam menschlich zu werden.“ – eine Aussage, die unter anderem die Ermordung seiner Mutter und seines Bruders in eine menschliche Vorstellungswelt ausrichtete. Sein Weg in die Zivilisation fuehrte ueber Alptraeume und die Entdeckung seines Vaters.

Blaine Harden
Flucht aus Lager 14 . Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im
nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam
Muenchen 2014

2013 – Veraenderung erfolgreich gemeistert

 

Die Veraenderung, die im November 2012 mit dem Umzug nach Riyadh – Saudi Arabien – gestartet war, ist wohl erfolgreich gelungen. Nach rund acht Monaten bin ich vor wenigen Tagen fuer ein paar Wochen – Sommerurlaub – nach Deutschland zurueck gekehrt. Es ist ein ganz anderes Gefuehl, als Besucher nach Muenchen zu kommen. Ich glaube, meine Mutter war wohl mit am gluecklichsten, dass sie mich mal wieder an meinem Geburtstag gesehen hatte – in den vergangenen Jahren hatte ich mich immer gedrueckt. Diesmal ging es nicht und das war auch gut so.

In Deutschland war noch immer die Debatte ueber die Ausspionierung der Kanzlerin am laufen. Es wird, wie ein frueherer Innenminister einmal sagte, mal wieder eine Sau durchs Dorf getrieben. Denn jeder wusste, dass die USA mit ihren vielen Nachrichtendiensten nun nicht unbedingt diese zu unterhalten, um Freundschaften zu pflegen. Da musste erst ein Geheimnisverraeter kommen und schon bricht eine Welle der Empoerung los. So sans, die Deutschen.

Und in Muenchen war mal wieder eine Diskussion ueber Asylbewerber. Mitten in der Stadt hatten sie ein Camp aufgeschlagen und wollten ihre Asylanerkennung mit Gewalt erzwingen. Aufgestachelt durch Aktivisten konnten sie eigentlich nur das tun, was schlicht falsch war: den Staat versuchen zu erpressen.
Ein anderes wirkliches Sozialprojekt feierte dafuer zwanzigjaehriges Jubilaeum: Die Tafelbewegung.

2012: In aller Veränderung wohnt etwas Neues inne

Dieses Jahr habe ich mich entschlossen, noch einmal nach Mallorca zu fliegen. Dort bin ich im Nordosten nach Cala Rajada gelandet – trotz einiger unschöner Neubauten gerade am Hafen ein wundechöner Ort. Wenn mir dies letztes Jahr jemand gesagt hätte, hätte ich ihn sicherlich ausgelacht. Aber ich habe letzten November die Insel wirklich zu schätzen gelernt, die für mich bisher immer nur Ballermann bedeutet hätte. Aber dies sind rund 2 km einer Strandpromenade in der Nähe des Flughafens – wo man übrigens von Flugzeugen kaum etwas mitbekommt. Ansonsten hat die Insel so ziemlich alles zu bieten, was man von Spanien und dem Mittelmeer erwartet – bei meiner Wohlfühltemperatur von über 30 Grad. Was soll man also sagen, wenn es um den Wetterbericht geht? Es gibt ihn, aber den lass ich einfach weg … oder eigentlich doch noch, denn bis ich ankam, war es so um die 30 Grad. Und nachdem ich da war, wurden bis zu 40 Grad gemessen. Hier war gestern schon die Hölle los, nachdem Spanien im Halbfinale der Europameisterschaften stand. Spanien hat gewonnen und ich kann – ohne dem Rest vorgreifen zu wollen – sagen: Deutschland hatte am Abend die Rückflugtickets gebucht. Danach gab es wieder 80 Millionen Trainer, die genau wussten, wie es anders hätte werden können. Nur wird immer vergessen: Fussball ist ein Spiel und zum Spiel gehört auch Glück.

Die wundervolle Sierra de Tramuntana

Ich habe diesmal eine Tour in die Sierra de Tramuntana gemacht – ein Gebirge mitten auf der Insel mit Pässen bis zu 1.000 Meter hoch. Und wenn man die Landschaft anschaut, glaubt man gar nicht, auf einer Insel zu sein – viel zu unbewachsen sind viele Abhänge. Man muss aber wirklich aus den Touristenmetropolen raus gehen, um die Schönheit des Mittelmeeres kennen zu lernen. Schmale Gassen führen zwischen vielen Obstplantagen hindurch, die mein kleinen Mäuerchen abgegrenzt sind. Wie, als wäre die Zeit hier irgendwann stehen geblieben. Pollenca ist ein schöner Ort, der sich durch die Zeit kaum verändert haben dürfte. Immer noch wird er durch die mächtige Kirche am Plaza Major geprägt, die im inneren so reich verziert ist. Man kann viel über Spanien sagen: Kirchen bauen können sie. Die Spanier verstehen eben zu leben: erst bittet man den lieben Gott um Beistand und dann lässt man sich draussen den Café con Leche gemütlich schmecken. Oder warum gibt es sonst hier vor jeder Kirche (nicht vor der Adjudamenta) grosse Plätze mit Dutzenden von kleinen schicken Cafés? Man muss dann den Aufstieg zur El Calvari machen, einer kleinen Kirche (übrigens wieder mit Café natürlich) auf dem westlichen Hausberg. Wieviele Stufen es sind? Keine Ahnung … jede Menge. Aber man kommt an wunderschönen spanischen Häusern vorbei, liebevoll erhalten und mit viel Mühe sind auch die Gärtchen gepflegt worden. Oben wird man dann mit einem traumhaften Ausblick belohnt: im Norden die Gipfel des Tramuntana und das Mittelmeer, im Nordosten Can Picafort und Alcudia … und im Süden blickt man auf die Weiten, die diese Insel zu bieten hat. Nur im Westen wird der Blick verstellt –  na gut, der falsche Ausdruck, denn auch die Gebirgswand des Tramuntana hat etwas.

Tief in den Bergen versteckt

Nach dem Abstieg ging es dann weiter nach Söller – dem wohl abgelegensten Bergdorf der ganzen Insel. Hinter dem Tramuntana versteckt erreicht man es nur über einen Tunnel – oder den Pass. Ich kann nur den Pass empfehlen – denn die Auffahrt und Abfahrt über die Serpendinen wird belohnt. Die Buchten an den Umkehrungen scheinen fast extra für Photostops gemacht worden zu sein (sind aber wohl eigentlich gedacht als Nothalt – die meisten nutzen sie zum Glück wohl eher für ein Public Viewing). Auf der ganzen Insel gibt es sie nicht, nur hier: eine Strassenbahn. Urig alt und wohl nur noch für Touristen befahren. Aber auch hier sind sie wieder: die engen Gässchen, die höchstens eine Einbahnstrasse erlauben. Wenn überhaupt. Der Platz vor der Kirche ist in Söller nicht ganz so gross. Aber auch hier prägt sie den Ort und auch hier prägen die vielen Cafés davor den Kirchenplatz, die Plaza Constitucio. Und ich muss zugeben: mein Auto hat hier auch ein paar Schrammen abgekommen, als ich beim Zurücksetzen einen hinter mit halten Lkw übersehen habe. Jetzt hat das Auto etwas spanisches Flair – und ich denke, die Versicherung wird es richten.

Zum Baden gehen doch geeignet: Paguera

Und noch hatte ich nicht genug, denn ich war in Paguera verabredet – ein Ort, dem die sonst anmutende Schönheit der Inselorte verloren gegangen ist und der sie durch viele Hotelbauten und Ramschbuden ersetzen hat. Der direkte Weg wäre natürlich einfacher gewesen (der durchs Tunnel), aber wer will den schon, wenn er vorbei an den malerischen Buchten des Westens von Mallorca entlang fahren kann. Man muss es eigentlich gesehen haben, wie das strahlend blaue und kristallklare Wasser die Insel umspült. Ich verweise an dieser Stelle einfach auf die Bilder, die eben mehr sagen als tausend Worte. In Paguera war ich dann verabredet mit einer Internetbekanntschaft (so was soll es heute geben und wenn sie aus dem Internet in die Realität rüberkommen, wird es noch besser). Badetag – der erste seit langem, aber eben nicht an einem der Massenstrände mit den blauen Liegen und den goldenen Schirmchen, sondern einer abgelegenen Bucht. Die Natur verhindert, dass hier alles Lärmende – von lauten johlenden Wasserballspielern bis hin zum Eisverkäufer – aufkreuzen und dies macht es so wunderschön. Und später dann noch lecker Essen – eine Seezunge, die quasi nur für mich gefangen wurde, denn frühmorgens schwamm sie wohl noch munter mit ihrer ebenfalls auf meinem Teller gelandeten Gefährtin im Mittelmeer umher. Die Einzigen, die an diesem Tag übrigens nicht ganz so mitspielten wie sie hätten sollen, war die Nationalmannschaft – aber dies ist eine andere Geschichte. Und so verabschiede ich mich an dieser Stelle nach der ersten Halbzeit.

Mein persönliches Fazit

Es ist mal wieder so, dass ich entgegen allen sonstigen Menschen scheinbar der Einzige bin, der auf Reise regelmässig abnimmt. Aber bei Wärme esse ich einfach deutlich weniger und wohl auch deutlich kalorienarmer – aber gesunder. Aber die spanische Küche ist immer zu empfehlen.

Das andere Fazit ist ein Reminder an meine Jugendzeit. Ich habe wohl seit dem nicht mehr so viele Menschen gesehen, die auch ausserhalb des Strandlebens ihren wohlbeleibten Körper zur Schau stellen. Da ist es ganz egal, ob der Schenkenberg-Typus oder das gestandene Mannsbild – es wird Haut gezeigt. Ich kenne dies noch von zahlreichen Urlaubsfahrten in ostdeutsche Gefilde, nur dort ohne Shoppingmeilen und im November war es wohl doch zu kalt dafür. Aber dies scheint deutsche Urlaubskultur zu sein.

Das dritte Fazit ist wohl eher die Bestätigung eines Klischees. Aber was soll man denken, wenn anscheinend auch ältere Damen in Gruppen nach Mallorca fliegen und sich extra T-Shirts mit der Aufschrift “Mallorca 2012 – Wir habens überlebt” oder anderes drucken lassen … irgendwie scheint der Gruppenzwang schon sehr gross zu sein.

Und was gab es sonst noch an diesem Tag?

  • Der Bundestag debattiert über das Betreuungsgeld – heiss umkämpft und niemand kann so wirklich sagen, warum er dagegen ist.
    Daneben wird auch noch das wirklich wichtige Thema “Rechtsextremismus” im Bundestag aufgerufen. Ob aber die Datenbank eine Verbesserung bei der Bekämpfung bringt, ist eher fraglich.
  • In Brüssel tritt mal wieder ein EU-Krisengipfel zusammen, um den Euro zu retten – aber eigentlich ein paar Staaten vor der Pleite.
  • In Washington D.C. rettet der Supreme Court mit der Gesundheitsreform das wichtigste Vorhaben von U.S.-Präsident Barack Obama, welches somit Zug um Zug in Kraft treten kann.
  • In Serbien zieht mit Überraschungssieger Ivica Dacic ein neuer Amtsinhaber in den Präsidentenpalast ein. Der Spiegel titelt: “nun sind wieder die Kräfte an der Macht, die das Land in den neunziger Jahren in den Bürgerkrieg geführt hatten.” Es wird sich zeigen, welche Auswirkungen dieser Wechsel auf die europäische Integration und den Konflikt um das Kosovo haben werden.
    Währenddessen wird in Den Haag Radovan Karadzic schuldig gesprochen, einem der Hauptverantwortlichen für den Völkermord im bosnischen Krieg zwischen 1991 und 1995.

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Die Forderung nach Selbstentwicklung

Es war wohl nicht geplant, dass Rogan in seinem letzten Kapitel auf den „Arabischen Frühling“ eingeht. Aber der Lauf der Geschichte liess dieses Buch eine nicht gewollte Aktualität haben. Aber auch ohne diesen Abstecher in die allerneueste Entwicklung, die naturgegeben nur unvollständig erfasst werden konnte, hat Rogan ein Werk vorgelegt, welches quasi zur Pflichtlektüre werden wird.

Historische Grundlagen moderner Konflikte

Die Europäer wie die Araber halten gerne die Kreuzzüge für den Grund allen Übels, welches die moderne arabische Welt heimgesucht hat. Das dem nicht so ist, wird bereits am Anfang in den ersten drei Kapiteln deutlich. Es waren die Araber und die Osmanen selbst, die dafür sorgten, dass ihre Kultur den Wechselwirkungen bewaffneter Konflikte ausgesetzt war, in die erst sehr spät die Europäer eingriffen und ihr Scherflein ins Trockene zu bringen suchten.
Detailreich und in bebilderter Sprache stellt Rogan dar, dass der Kampf innerhalb des Orients zunächst zwischen den Ägypten und Osmanen ausgetragen wurde. Während die Osmanen der modernen europäischen Kriegskunst vertrauten und ihre Schlachttechnik daran ausrichtete, waren die Ägypten mit ihren mamelukischen Feldkämpfern an die alte Degenordnung gewohnt und wollten sie auch nicht verlieren. Aber vor allem: sie wollten nicht selber Kämpfen, sondern überließen die Arbeit den Mameluken. Die Golf-Staaten haben bis heute dieses uralte Prinzip der arabischen Welt verinnerlicht und weiterentwickelt.

Die moderne Geschichte: Wechselspiel unter Beteiligung der Araber

Eugene Rogan

Die moderne Geschichte ist nicht zwingend eine Folge von Okkupation, sondern auch eine Einladung gewesen. Rogan stellt auf anschauliche Weise im zweiten Teil die Wechselwirkungen zwischen den Arabern und den Europäern dar. Faktenreich und anhand von zahlreichen Quellen wird deutlich: die Araber haben die Europäer auch eingeladen, ihre inneren Streitigkeiten zu schlichten. Der Kampf um die regionale Vorherrschaft zwischen Sherifen von Al Riyadh and Al Mekka, die Inthronisation der Haschemiten als die Herren von Amman und ihre Träume, sich Syrien einzuverleiben oder die Stabilisierung des Irak – in all diesen Entwicklungen waren die Europäer nur bedingt die treibenden Akteure. Sie waren auch Schlichter und trugen dazu bei, dass sich in der arabischen Welt ein modernes Staatswesen entwickeln konnte.

Bei allen diese Vorzügen darf nicht darüber hinweg getäuscht werden, dass die Europäer – und später die Amerikaner – auch handfeste Machtinteressen vertraten. Rogan macht die anhand der Arabisierung der Öl-Industrie deutlich – die bereits damals Muammar al Ghaddafi zum Feind werden liess. Es ist das Verdient des Autors, dass sich Rogan, Orientalist in Oxford, sich diese Sichtweise nicht zu eigen macht. Er macht deutlich, dass die Emanzipation zwingend war, ohne jede einzelne Entwicklung damit auch zu befürworten.

Neueste Entwicklung mit Skepsis verfolgen

Gerade im letzten Teil des Buches verdeutlicht Rogan aber auch, dass der arabische Frühling des Jahres 2011 mit einem gesunden Maß an Skepsis zu betrachten ist. Zu oft ist die arabische Geschichte ein Auf und Ab von Fortschritt und Rückfall gewesen. Die Hoffnungen, die aus der Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert erwachsen sind, wurden nirgendwo erfüllt – sieht man von dem Wohlstand der Staaten des Gulf Cooperation Council einmal ab. Wenn Rogan ganz zum Schluss schreibt; Damit die arabische Welt den Zyklus der Unterordnung unter die Regeln anderer Volker durchbricht, sind ein ausgewogenes Engagement … sowie der Wille zur Reform … erforderlich“, so schwingt hier ein Misstrauen mit, welches nicht kulturimperalistisch zu sehen ist, sondern aus der Verehrung und Sorge für eine der ältesten Kulturen entspringt.
Auch deshalb ist es dem Werk zu wünschen, dass es nicht nur in westlichen Fakultäten zu einem Standardwerk wird, sondern auch unter den arabischen Führern weite Verbreitung findet. Den Rogan widerspricht nicht der Berechtigung des arabischen Weg, sondern er fordert ihn ein – und die Emanzipation von der Bevormundung wie Schlichtung der westlichen oder jeder sonstiger fremder Mächter.

Eugene Rogan: Die Araber . Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch, Propylän München 2012