Torsten Matzak

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“ich habe das gefuehl, langsam menschlich zu werden.“

Wenn ein Mensch sich selbst daran erinnert, dass er eigentlich keine menschlichen Verhaltensweisen hatte, so muss viel passiert sein.

Nordkorea ist ein Land, welches wohl zu den skurillsten Erscheinungen der Weltgeschichte mutiert ist. Und gleichzeitig ist es zu einer der grausamsten, menschenverachtensten Diktaturen geworden. Wer Shin In Geuns Bericht ueber sein Leben und seine Flucht liesst, bekommt jedoch einen ungefaehren Eindruck dessen, was es bedeutet, als so minderwertig angesehen zu werden, dass ihm nicht einmal die Propaganda des nordkoreanischen Systems zu Teil wurde.

Shins Verbrechen war ein recht einfaches, welches er nicht einmal beeinflussen konnte: sein Onkel war im Korea-Krieg in den Sueden des geteilten Landes gefluechtet. In diesem Moment war seine Familie damit als unzuverlaessig eingestuft, lange bevor Shin ueberhaupt geboren wurde. Seinen Vater sah er, wenn die Waerter des Lagers 14 ihm die Besuche einmal erlaubten und zu seinem Bruder hatte er kein wirkliches Verhaeltnis. Dies praegte aber auch seine Beziehung zu seinen Eltern.

Es war der Futterneid in seiner dramatischsten Erscheinung, der Shins Verhaeltnis zu seiner Familie praegte. Seiner Mutter stahl er ihre karge Mahlzeit – weil er selbst einem staendigen Hunger ausgesetzt war. Statt Mutterliebe bekam er Schlaege von seiner Mutter und von seinen Waertern und „Lehrern“ eingetrichtert, jede Regelverletzung auch von seinen Eltern zu melden. Wer mit staendigem Hunger und der Erziehung zur gegenseitigen Bespitzelung aufwaechst, bis zu seinem 13 Lebensjahr nicht eine irgendwie geartete Form der Zuneigung und stattdessen einzig die primitivsten Formen des Ueberlebens kennen lernte, der hat nie die einfachsten Formen des Menschlichseins kennen gelernt.

Als Shin bereits aus North Korea gefluechtet war und in den USA lebte, kamen ihm die Gedanken, die wohl die innersten Werte eines Menschen sind und unter normalen Umstaenden wuerde Shins Umwelt ihn dafuer zu Recht mindestens moralisch verurteilen. Vordergruendig verriert er die Fluchtplaene seiner Mutter und seines Bruders, weil seine Mutter seinem Bruder Reis kochte – ein Luxusgut, wenn man sonst nur Maisbrei zum Essen bekommt. Tiefer gehend war es jedoch ein Ueberlebensinstinkt. Denn wenn die Flucht geglueckt waere, waere er selber totgeweiht. Shin lebte nicht unter normalen Umstaenden und deshalb muss sich jeder fragen, der sollte sich deshalb fragen, wie er sich selber in gleicher Situation verhalten wuerde. Und da sich wohl niemand in Shin In Geun’s Lage wuenscht, verbietet sich jede Verurteilung.

Aber die neunmonatige Haft, die Folter, zerstoerte auch sein Verhaeltnis zu seinem Vater endgueltig – obwohl sich dieser nun wohl erstmals darum bemuehte, seinen Sohn irgendwie zu schuetzen. Auch wenn er seinen Vater von Zeit zu Zeit besuchte, im tiefsten Herzen verachtete er ihn – dafuer, dass er sein Vater war. Shin brachte es nicht einmal uebers Herz ein Geschenk seines Vaters anzunehmen, obwohl es das wertvollste war, was es im Lager 14 gab … Essen. Erst als er fluechten wollte, zeigt er etwas wie Liebe zu seinem Vater und gleichzeitig Schuldgefuehle. Denn Shin wusste: er wuerde seine eigene Flucht mit seinem Leben bezahlen oder zumindest erneut schwer gefoltert. Aber dennoch verriet er seine Fluchtplaene nicht, denn ein inneres Misstrauen blieb.

Und so waren es nicht seine eigenen Angehoerigen, die ihm etwas wie menschliche Naehe gaben. Sondern ein Mithaeftling, der ihm nach der Folter im Gefaengnisgefaengnis wieder gesund pflegte, sein Essen mit ihm teilte und ihm den Traum von Freiheit gab. Dieser Traum – fuer Menschen- und Buergerrechtler wohl mehr als befremdlich – bestand diese Freiheit jedoch nicht darin, zu sagen was er wollte oder zu gehen, wohin ihm trachtete. Freiheit bedeutete fuer Shin, zu essen was er wollte – und zu essen, soviel er wollte. Fuer jemand, der nie Hunger leiden musste, ein sonderbarer Freiheitsbegriff. Fuer Shin der Inbegriff der Freiheit und er interessierte sich auch nicht fuer die Erzaehlungen seines lebenserfahrenden Freundes Park ueber die politische Freiheit.

Shins Erzaehlung laesst einen deutlich spueren, in welchen Verhaeltnisses die Lagerhaeftlinge leben: Exkremente, Laeuse, Hunger und ein Leben in Lumpen. Die Erzaehlung ist so lebendig, dass sich der aufmerksame Leser den Leiden und dem Elend nicht entziehen kann. Und auch der Tatsache, dass Shin dies noch nicht einmal so empfindet, denn er hat nichts anderes erlebt. Hier hat auch der jahrelange Hinweis auf die Minderwertigkeit des eigenen Lebens seine Wirkung gezeigt. Sicher, als die Kinder der Waerter sie immer mit Steinen beworfen haben, merkte er: hier stimmt etwas nicht. Aber er hatte nicht die Macht, dies zu aendern und letztlich ertrug er dies wohl auch deshalb, weil der Futterinstinkt staerker war als das Gerechtigkeitsempfinden. Shin zeigt, was es heisst, dass er von Geburt dazu getrieben wurde, zu „normalen menschlichen Gefuehlen nicht imstande“ zu sein.

Shin aenderte seinen Namen, nachdem er in Suedkorea angekommen war – und liess damit sein altes Leben hinter sich. Und dies war mehr, als das Lagerleben. Es war auch die Gefuehlslosigkeit und die Gleichgueltigkeit, die ihm in Camp 14 anerzogen war. “Ich habe das Gefuehl, langsam menschlich zu werden.“ – eine Aussage, die unter anderem die Ermordung seiner Mutter und seines Bruders in eine menschliche Vorstellungswelt ausrichtete. Sein Weg in die Zivilisation fuehrte ueber Alptraeume und die Entdeckung seines Vaters.

Blaine Harden
Flucht aus Lager 14 . Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im
nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam
Muenchen 2014

2013 – Veraenderung erfolgreich gemeistert

 

Die Veraenderung, die im November 2012 mit dem Umzug nach Riyadh – Saudi Arabien – gestartet war, ist wohl erfolgreich gelungen. Nach rund acht Monaten bin ich vor wenigen Tagen fuer ein paar Wochen – Sommerurlaub – nach Deutschland zurueck gekehrt. Es ist ein ganz anderes Gefuehl, als Besucher nach Muenchen zu kommen. Ich glaube, meine Mutter war wohl mit am gluecklichsten, dass sie mich mal wieder an meinem Geburtstag gesehen hatte – in den vergangenen Jahren hatte ich mich immer gedrueckt. Diesmal ging es nicht und das war auch gut so.

In Deutschland war noch immer die Debatte ueber die Ausspionierung der Kanzlerin am laufen. Es wird, wie ein frueherer Innenminister einmal sagte, mal wieder eine Sau durchs Dorf getrieben. Denn jeder wusste, dass die USA mit ihren vielen Nachrichtendiensten nun nicht unbedingt diese zu unterhalten, um Freundschaften zu pflegen. Da musste erst ein Geheimnisverraeter kommen und schon bricht eine Welle der Empoerung los. So sans, die Deutschen.

Und in Muenchen war mal wieder eine Diskussion ueber Asylbewerber. Mitten in der Stadt hatten sie ein Camp aufgeschlagen und wollten ihre Asylanerkennung mit Gewalt erzwingen. Aufgestachelt durch Aktivisten konnten sie eigentlich nur das tun, was schlicht falsch war: den Staat versuchen zu erpressen.
Ein anderes wirkliches Sozialprojekt feierte dafuer zwanzigjaehriges Jubilaeum: Die Tafelbewegung.

2012: In aller Veränderung wohnt etwas Neues inne

Dieses Jahr habe ich mich entschlossen, noch einmal nach Mallorca zu fliegen. Dort bin ich im Nordosten nach Cala Rajada gelandet – trotz einiger unschöner Neubauten gerade am Hafen ein wundechöner Ort. Wenn mir dies letztes Jahr jemand gesagt hätte, hätte ich ihn sicherlich ausgelacht. Aber ich habe letzten November die Insel wirklich zu schätzen gelernt, die für mich bisher immer nur Ballermann bedeutet hätte. Aber dies sind rund 2 km einer Strandpromenade in der Nähe des Flughafens – wo man übrigens von Flugzeugen kaum etwas mitbekommt. Ansonsten hat die Insel so ziemlich alles zu bieten, was man von Spanien und dem Mittelmeer erwartet – bei meiner Wohlfühltemperatur von über 30 Grad. Was soll man also sagen, wenn es um den Wetterbericht geht? Es gibt ihn, aber den lass ich einfach weg … oder eigentlich doch noch, denn bis ich ankam, war es so um die 30 Grad. Und nachdem ich da war, wurden bis zu 40 Grad gemessen. Hier war gestern schon die Hölle los, nachdem Spanien im Halbfinale der Europameisterschaften stand. Spanien hat gewonnen und ich kann – ohne dem Rest vorgreifen zu wollen – sagen: Deutschland hatte am Abend die Rückflugtickets gebucht. Danach gab es wieder 80 Millionen Trainer, die genau wussten, wie es anders hätte werden können. Nur wird immer vergessen: Fussball ist ein Spiel und zum Spiel gehört auch Glück.

Die wundervolle Sierra de Tramuntana

Ich habe diesmal eine Tour in die Sierra de Tramuntana gemacht – ein Gebirge mitten auf der Insel mit Pässen bis zu 1.000 Meter hoch. Und wenn man die Landschaft anschaut, glaubt man gar nicht, auf einer Insel zu sein – viel zu unbewachsen sind viele Abhänge. Man muss aber wirklich aus den Touristenmetropolen raus gehen, um die Schönheit des Mittelmeeres kennen zu lernen. Schmale Gassen führen zwischen vielen Obstplantagen hindurch, die mein kleinen Mäuerchen abgegrenzt sind. Wie, als wäre die Zeit hier irgendwann stehen geblieben. Pollenca ist ein schöner Ort, der sich durch die Zeit kaum verändert haben dürfte. Immer noch wird er durch die mächtige Kirche am Plaza Major geprägt, die im inneren so reich verziert ist. Man kann viel über Spanien sagen: Kirchen bauen können sie. Die Spanier verstehen eben zu leben: erst bittet man den lieben Gott um Beistand und dann lässt man sich draussen den Café con Leche gemütlich schmecken. Oder warum gibt es sonst hier vor jeder Kirche (nicht vor der Adjudamenta) grosse Plätze mit Dutzenden von kleinen schicken Cafés? Man muss dann den Aufstieg zur El Calvari machen, einer kleinen Kirche (übrigens wieder mit Café natürlich) auf dem westlichen Hausberg. Wieviele Stufen es sind? Keine Ahnung … jede Menge. Aber man kommt an wunderschönen spanischen Häusern vorbei, liebevoll erhalten und mit viel Mühe sind auch die Gärtchen gepflegt worden. Oben wird man dann mit einem traumhaften Ausblick belohnt: im Norden die Gipfel des Tramuntana und das Mittelmeer, im Nordosten Can Picafort und Alcudia … und im Süden blickt man auf die Weiten, die diese Insel zu bieten hat. Nur im Westen wird der Blick verstellt –  na gut, der falsche Ausdruck, denn auch die Gebirgswand des Tramuntana hat etwas.

Tief in den Bergen versteckt

Nach dem Abstieg ging es dann weiter nach Söller – dem wohl abgelegensten Bergdorf der ganzen Insel. Hinter dem Tramuntana versteckt erreicht man es nur über einen Tunnel – oder den Pass. Ich kann nur den Pass empfehlen – denn die Auffahrt und Abfahrt über die Serpendinen wird belohnt. Die Buchten an den Umkehrungen scheinen fast extra für Photostops gemacht worden zu sein (sind aber wohl eigentlich gedacht als Nothalt – die meisten nutzen sie zum Glück wohl eher für ein Public Viewing). Auf der ganzen Insel gibt es sie nicht, nur hier: eine Strassenbahn. Urig alt und wohl nur noch für Touristen befahren. Aber auch hier sind sie wieder: die engen Gässchen, die höchstens eine Einbahnstrasse erlauben. Wenn überhaupt. Der Platz vor der Kirche ist in Söller nicht ganz so gross. Aber auch hier prägt sie den Ort und auch hier prägen die vielen Cafés davor den Kirchenplatz, die Plaza Constitucio. Und ich muss zugeben: mein Auto hat hier auch ein paar Schrammen abgekommen, als ich beim Zurücksetzen einen hinter mit halten Lkw übersehen habe. Jetzt hat das Auto etwas spanisches Flair – und ich denke, die Versicherung wird es richten.

Zum Baden gehen doch geeignet: Paguera

Und noch hatte ich nicht genug, denn ich war in Paguera verabredet – ein Ort, dem die sonst anmutende Schönheit der Inselorte verloren gegangen ist und der sie durch viele Hotelbauten und Ramschbuden ersetzen hat. Der direkte Weg wäre natürlich einfacher gewesen (der durchs Tunnel), aber wer will den schon, wenn er vorbei an den malerischen Buchten des Westens von Mallorca entlang fahren kann. Man muss es eigentlich gesehen haben, wie das strahlend blaue und kristallklare Wasser die Insel umspült. Ich verweise an dieser Stelle einfach auf die Bilder, die eben mehr sagen als tausend Worte. In Paguera war ich dann verabredet mit einer Internetbekanntschaft (so was soll es heute geben und wenn sie aus dem Internet in die Realität rüberkommen, wird es noch besser). Badetag – der erste seit langem, aber eben nicht an einem der Massenstrände mit den blauen Liegen und den goldenen Schirmchen, sondern einer abgelegenen Bucht. Die Natur verhindert, dass hier alles Lärmende – von lauten johlenden Wasserballspielern bis hin zum Eisverkäufer – aufkreuzen und dies macht es so wunderschön. Und später dann noch lecker Essen – eine Seezunge, die quasi nur für mich gefangen wurde, denn frühmorgens schwamm sie wohl noch munter mit ihrer ebenfalls auf meinem Teller gelandeten Gefährtin im Mittelmeer umher. Die Einzigen, die an diesem Tag übrigens nicht ganz so mitspielten wie sie hätten sollen, war die Nationalmannschaft – aber dies ist eine andere Geschichte. Und so verabschiede ich mich an dieser Stelle nach der ersten Halbzeit.

Mein persönliches Fazit

Es ist mal wieder so, dass ich entgegen allen sonstigen Menschen scheinbar der Einzige bin, der auf Reise regelmässig abnimmt. Aber bei Wärme esse ich einfach deutlich weniger und wohl auch deutlich kalorienarmer – aber gesunder. Aber die spanische Küche ist immer zu empfehlen.

Das andere Fazit ist ein Reminder an meine Jugendzeit. Ich habe wohl seit dem nicht mehr so viele Menschen gesehen, die auch ausserhalb des Strandlebens ihren wohlbeleibten Körper zur Schau stellen. Da ist es ganz egal, ob der Schenkenberg-Typus oder das gestandene Mannsbild – es wird Haut gezeigt. Ich kenne dies noch von zahlreichen Urlaubsfahrten in ostdeutsche Gefilde, nur dort ohne Shoppingmeilen und im November war es wohl doch zu kalt dafür. Aber dies scheint deutsche Urlaubskultur zu sein.

Das dritte Fazit ist wohl eher die Bestätigung eines Klischees. Aber was soll man denken, wenn anscheinend auch ältere Damen in Gruppen nach Mallorca fliegen und sich extra T-Shirts mit der Aufschrift “Mallorca 2012 – Wir habens überlebt” oder anderes drucken lassen … irgendwie scheint der Gruppenzwang schon sehr gross zu sein.

Und was gab es sonst noch an diesem Tag?

  • Der Bundestag debattiert über das Betreuungsgeld – heiss umkämpft und niemand kann so wirklich sagen, warum er dagegen ist.
    Daneben wird auch noch das wirklich wichtige Thema “Rechtsextremismus” im Bundestag aufgerufen. Ob aber die Datenbank eine Verbesserung bei der Bekämpfung bringt, ist eher fraglich.
  • In Brüssel tritt mal wieder ein EU-Krisengipfel zusammen, um den Euro zu retten – aber eigentlich ein paar Staaten vor der Pleite.
  • In Washington D.C. rettet der Supreme Court mit der Gesundheitsreform das wichtigste Vorhaben von U.S.-Präsident Barack Obama, welches somit Zug um Zug in Kraft treten kann.
  • In Serbien zieht mit Überraschungssieger Ivica Dacic ein neuer Amtsinhaber in den Präsidentenpalast ein. Der Spiegel titelt: “nun sind wieder die Kräfte an der Macht, die das Land in den neunziger Jahren in den Bürgerkrieg geführt hatten.” Es wird sich zeigen, welche Auswirkungen dieser Wechsel auf die europäische Integration und den Konflikt um das Kosovo haben werden.
    Währenddessen wird in Den Haag Radovan Karadzic schuldig gesprochen, einem der Hauptverantwortlichen für den Völkermord im bosnischen Krieg zwischen 1991 und 1995.

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Die Forderung nach Selbstentwicklung

Es war wohl nicht geplant, dass Rogan in seinem letzten Kapitel auf den „Arabischen Frühling“ eingeht. Aber der Lauf der Geschichte liess dieses Buch eine nicht gewollte Aktualität haben. Aber auch ohne diesen Abstecher in die allerneueste Entwicklung, die naturgegeben nur unvollständig erfasst werden konnte, hat Rogan ein Werk vorgelegt, welches quasi zur Pflichtlektüre werden wird.

Historische Grundlagen moderner Konflikte

Die Europäer wie die Araber halten gerne die Kreuzzüge für den Grund allen Übels, welches die moderne arabische Welt heimgesucht hat. Das dem nicht so ist, wird bereits am Anfang in den ersten drei Kapiteln deutlich. Es waren die Araber und die Osmanen selbst, die dafür sorgten, dass ihre Kultur den Wechselwirkungen bewaffneter Konflikte ausgesetzt war, in die erst sehr spät die Europäer eingriffen und ihr Scherflein ins Trockene zu bringen suchten.
Detailreich und in bebilderter Sprache stellt Rogan dar, dass der Kampf innerhalb des Orients zunächst zwischen den Ägypten und Osmanen ausgetragen wurde. Während die Osmanen der modernen europäischen Kriegskunst vertrauten und ihre Schlachttechnik daran ausrichtete, waren die Ägypten mit ihren mamelukischen Feldkämpfern an die alte Degenordnung gewohnt und wollten sie auch nicht verlieren. Aber vor allem: sie wollten nicht selber Kämpfen, sondern überließen die Arbeit den Mameluken. Die Golf-Staaten haben bis heute dieses uralte Prinzip der arabischen Welt verinnerlicht und weiterentwickelt.

Die moderne Geschichte: Wechselspiel unter Beteiligung der Araber

Eugene Rogan

Die moderne Geschichte ist nicht zwingend eine Folge von Okkupation, sondern auch eine Einladung gewesen. Rogan stellt auf anschauliche Weise im zweiten Teil die Wechselwirkungen zwischen den Arabern und den Europäern dar. Faktenreich und anhand von zahlreichen Quellen wird deutlich: die Araber haben die Europäer auch eingeladen, ihre inneren Streitigkeiten zu schlichten. Der Kampf um die regionale Vorherrschaft zwischen Sherifen von Al Riyadh and Al Mekka, die Inthronisation der Haschemiten als die Herren von Amman und ihre Träume, sich Syrien einzuverleiben oder die Stabilisierung des Irak – in all diesen Entwicklungen waren die Europäer nur bedingt die treibenden Akteure. Sie waren auch Schlichter und trugen dazu bei, dass sich in der arabischen Welt ein modernes Staatswesen entwickeln konnte.

Bei allen diese Vorzügen darf nicht darüber hinweg getäuscht werden, dass die Europäer – und später die Amerikaner – auch handfeste Machtinteressen vertraten. Rogan macht die anhand der Arabisierung der Öl-Industrie deutlich – die bereits damals Muammar al Ghaddafi zum Feind werden liess. Es ist das Verdient des Autors, dass sich Rogan, Orientalist in Oxford, sich diese Sichtweise nicht zu eigen macht. Er macht deutlich, dass die Emanzipation zwingend war, ohne jede einzelne Entwicklung damit auch zu befürworten.

Neueste Entwicklung mit Skepsis verfolgen

Gerade im letzten Teil des Buches verdeutlicht Rogan aber auch, dass der arabische Frühling des Jahres 2011 mit einem gesunden Maß an Skepsis zu betrachten ist. Zu oft ist die arabische Geschichte ein Auf und Ab von Fortschritt und Rückfall gewesen. Die Hoffnungen, die aus der Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert erwachsen sind, wurden nirgendwo erfüllt – sieht man von dem Wohlstand der Staaten des Gulf Cooperation Council einmal ab. Wenn Rogan ganz zum Schluss schreibt; Damit die arabische Welt den Zyklus der Unterordnung unter die Regeln anderer Volker durchbricht, sind ein ausgewogenes Engagement … sowie der Wille zur Reform … erforderlich“, so schwingt hier ein Misstrauen mit, welches nicht kulturimperalistisch zu sehen ist, sondern aus der Verehrung und Sorge für eine der ältesten Kulturen entspringt.
Auch deshalb ist es dem Werk zu wünschen, dass es nicht nur in westlichen Fakultäten zu einem Standardwerk wird, sondern auch unter den arabischen Führern weite Verbreitung findet. Den Rogan widerspricht nicht der Berechtigung des arabischen Weg, sondern er fordert ihn ein – und die Emanzipation von der Bevormundung wie Schlichtung der westlichen oder jeder sonstiger fremder Mächter.

Eugene Rogan: Die Araber . Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch, Propylän München 2012

Auf dem Weg zur Macht – Hillary Clinton

Wer den Namen Hillary Clinton hört verbindet damit eine Ehe, die neben ihrer privaten Komponente eine elementare politische Verbindung zwischen Bill und Hillary Clinton darstellt. Hillary Clinton ist die erste Frau in der Geschichte der USA, die nach ihrer Zeit als First Lady im White House eine eigene politische Karriere startete und Senatorin des Bundesstaates New York wurde. Nun greift sie nach den Sternen der U.S.-Politik und bewirbt sich als Präsidentin der USA.
Gerth und Don Van zeichnen in ihrer Biographie den Weg einer machtbewussten, aber nicht machtversessenen Frau, die wohl nur mit Eleonore Roosevelt vergleichbar politisch im West Wing agierte. Trotz der Anfeindungen konservativer Kreise war sie stets an der Seite ihres Mannes präsent und eine First Lady, die sich nicht nur auf die Repräsentation beschränkte. Man konnte auch nichts anderes von ihr erwarten, war sie doch während der Zeit in Arkansas dort in einer der angsehensten Anwaltskanzleien tätig und hatte diesen Beruf für die Präsidentschaft ihres Mannes aufgegeben. Sie war nicht das Beiwerk von Bill Clinton, sondern sie institutionalisierte das Amt der First Lady.
Bill Clinton war gewillt, ihr eigenen Aufgaben anzuvertrauen. Die Reform des Gesundheitswesens war deshalb 1993/94 ihr Werk und wurde nun während ihrer eigenen Präsidentschaftskandidatur wieder aufgegriffen. Sie mischte sich ein in die politische Debatte und prägte sie. Ihr eigener Weg in die Politik war 2000 nur folgerichtig. Das ihr Mann sie darin unterstützte, hat jedoch nicht bloss etwas damit zu tun, dass er Schuldgefühle ihr gegenüber hatte – immerhin hatte er sie im Oval Office betrogen und angelogen. Die vielfach politische Ehe ist wohl nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sondern eine echte Beziehung in der einer den anderen unterstützt. 2000 hatte Bill seine politische Karriere beendet und machte nun das, was Hillary all die Jahre zuvor für ihn getan hatte: den Weg frei auf den Capitol Hill.

Gerth und Don Van zeichnen nicht eine einzige Ruhmesgeschichte der Person Hillary Clinton. Auch wenn man dies annehmen möchte, sprechen sie doch nur von Hillary und Bill. Fehlentscheidungen werden offen angesprochen und auch, dass Hillary Clinton um des Machterhaltes und wohl auch um des Schutzes ihrer Familie Unterlagen nicht vorlegen wollte und Aussagen nicht hätte gemacht. Auch die Persiflage von Hillaryland zeigt eine Frau, die durchaus im eigenen Interesse zu agieren gewillt ist. Hier kommt die machtbewusste Hillary Clinton heraus.
Insgesamt ist ihnen jedoch ein Porträt gelungen, welches ausgewogen ist. Es wird eine moderne Frau porträtiert, die 2008 den Sprung als erste Frau ins Weiße Haus schaffen könnte. In das Oval Office wohlgemerkt, nicht nur in die präsidentiellen Wohnräume.

Jeff Gerth / Natta Don Van Jr.
Hillary Rodham Clinton . Ihr Weg zur Macht
München 2007 (2. Auflage)

Gernot Erler: Mission Weltverbesserung

Wenn ein Regierungsmitglied zur Feder greift, dann sollte man immer genau hinhören. Ganz besonders in Zeiten von Grossen Koalitionen und Wahlkämpfen. Diesmal war es Gernot Erler, bis 2005 aussenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und zwischenzeitlich Staatsminister im Auswärtigen Amt. Diese haben nicht immer so viel zu tun und deshalb auch immer wieder die Zeit, ein Buch zu schreiben.

Erler befasste sich mit nichts anderem als der “Mission Weltfrieden”, der deutschen Rolle in der Weltpolitik. An einer solchen Mission sind bereits andere gescheitert und selbst in egrenzten Konflikten wie dem Nahen Osten war es zuletzt Josef Fischer, der zwar eine angestrengte Pendeldiplomatie vollführte, aber in letzter Konsequenz gescheitert ist.
Zumindest hätte man jedoch erwarten können, dass Erler ein paar Konzepte beiträgt, welche Rolle Deutschland in der Welt spielen sollte. An einer konzeptionellen Aussenpolitik fehlte es im Auswärtigen Amt nämlich bereits seit längerem – exakt 2005. Aber auch hier wird der Leser enttäuscht, sondern ihm wird eine Rechtfertigungslitanei rot-schröderschen Aktionismus präsentiert. Da wird die Rede von Goslar immer noch als ultima ratio verkauft, obwohl sich der damalige Bundeskanzler viele Monate vor der eigentlichen Entscheidungen und ohne Konsultation selbst mit seinem Aussenminister als ernsthafter Gesprächspartner auskickte. Ein Wahlkampfgag, der die deutsch-amerikanischen Beziehungen nachhaltig beschädigte. Da wird ernsthaft versucht zu behaupten, dass der russische Präsident vom Kaukasus-Abenteuer im August 2008 vom georgischen Präsidenten Sakaschwili überrascht wurde und vollkommen unschuldig in diesen Konflikt geschlittert ist. Da wird nicht im Ansatz versucht, die Theorie des “lupenreinen Demokraten” zu korrigerieren.

Und auch sonst gerät der Ritt durch die Weltpolitik eher dürftig als gelungen. Erler bleibt schuldig, wofür er und wofür seine Partei steht. Das Buch zeigt sehr eindrucksvoll, dass die sozialdemokratische Partei ihre aussenpolitische Kompetenz, die sie noch zu Zeiten der Bundeskanzler Brandt und Schmidt zweifelslos hatte, am Gaderobenhaken der Regierungsbeteiligung 1998 abgelegt hat.

28. Juni 1902: Verlängerung des Dreibundvertrages

Der Dreibund zwischen dem Deutschen Kaiserreich, dem Kaiserreich Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien bildete einen Teil des Bismarckschen Vertragssystems, mit der er die Balance zwischen den europäischen Mächten zu erhalten versuchte.

Ausgangspunkt und Hintergründe des Vertragsschlusses

Ausgangspunkt der Bildung des Zweibundes war die Furcht Bismarcks, nach der Saturierung des Reiches nach der Reichsgründung 1871 in die außenpolitische Isolation und die Zange der Flügelmächte Großbritannien, Frankreich und Rußlands zu geraten.

Insbesondere bei Frankreich ging Bismarck davon aus, daß sich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 eine immerwährende Feindschaft zum Deutschen Reich entwickelt hatte, die Frankreich auf Revanche sinnen ließ.

Bismarck ging es daher mit der Bildung des Zweibundes um die Aufrechterhaltung des Status quo in Europa, der eine nochmalige kriegerische Entladung in Mitteleuropa verhindern und den Bestand und die außenpolitische Rolle des Deutschen Reiches sichern sollte.[1]

Im Reich mußte Bismarck vor allem den Widerstand Kaiser Wilhelm I. überwinden, dessen Neffe Alexander II. der Zar von Rußland war. Rußland hatte bereits in der jüngsten Vergangenheit immer wieder versucht, das Deutsche Reich für seine Expansionspolitik insbesondere auf dem Balkan zu vereinnahmen. Berlin sollte dabei seine Politik zugunsten des österreichischen Kaiserhauses aufgeben und sich der russischen Politik vorbehaltlos anschließen, wogegen Rußland im Gegenzug dazu die Sicherheit des Deutschen Reiches garantieren wollte. Bismarck mußte dieses Ansinnen jedoch zurückweisen, wollte er nicht zurück in die zweite Reihe der internationalen Politik fallen.

Rußland mußte – nach dem Bruch des Dreikaiserabkommens 1873 – durch die Ausspielung der deutsch-österreichischen und der deutsch-britischen Karte[2] die Bedrohung der russischen Isolation gezeigt werden, nachdem es auch auf dem Berliner Kongreß immer wieder versucht hatte, daß Deutsche Reich zu vereinnahmen.

Zar Alexander II. verhalf Bismarck letztlich, den deutschen Kaiser von der Notwendigkeit des Zweibundes zu überzeugen, nachdem dieser im sogenannten “Ohrfeigenbrief” vom 15.8.1879 in einer – nicht beabsichtigten – Unfreundfreundlichkeit und Vorwurfshaltung seinen Onkel allzu fordernd die russische Politik der Vereinnahmung schmackhaft machen wollte.

Zwar erklärte Zar Alexander II. bei einem Treffen mit seinem Onkel Kaiser Wilhelm I. im September 1879, den “Ohrfeigenbrief” nicht geschrieben zu haben und unterdrückte die deutschfeindliche Kampagne in der russischen Presse. Dies konnte Bismarck jedoch nicht mehr daran hindern, den Abschluß mit Österreich-Ungarn zur Sicherung der Souveränität des Reiches zu favorisieren und den Kaiser zum Abschluß dieses Defensivbündnisses als Fortsetzung des 1866 aufgelösten Deutschen Bundes zu drängen.

Für Bismarck blieb – um einer europäischen Isolation zuvorzukommen – nach dem fordernden Verhalten Rußlands letztlich bloß die österreichische Komponente.

Großbritannien hatte sich bereits zuvor gegen eine kontinentale Bindung gestreubt. Das Verhältnis zu Frankreich war nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 – vorerst – für jedes Bündnis ungeeignet und Italien befand sich erst in der Staatsbildung und spielte in der europäischen Politik noch keine entsprechende Rolle, als daß sich ein Bündnis mit ihm lohnte.

Bereits im August 1879 hatte Bismarck dem österreichischen Außenminister Graf Andrássy den Wunsch nach einem Bündnis mit Österreich unterbreitet. Im September 1879 machte Wien dann seine Bedingungen für das Bündnis deutlich: keine Garantie für Elsaß-Lothringen, keine parlamentarische Vertiefung und keine Zollunion; Abschluß eines geheimen und zeitlich begrenzten Bündnisses mit Verlängerungsoption und ausschließlich Zielrichtung dieses Bündnisses gegen Rußland. Kaiser Wilhelm I. lehnte diese Forderung zunächst ab.

Bismarck, der den Vertrag für seine weitergehenden Pläne als zwingende Voraussetzung betrachtete, versuchte nun, seinen Kaiser einzukreisen und drohte mit seinem Rücktritt. Als Verbündeten gewann er hier insbesondere Kronprinz Friedrich, der über Wien eine engere Anbindung an Großbritannien anstrebte, und Kaiserin Auguste. Das Auswärtige Amt stand geschlossen hinter ihm und am 28.9.1879 stimmte auch der Preußische Ministerrat der Position Bismarcks zu.

Das Militär mit Generalfeldmarschal Edwin von Manteuffel und Generalstabschef Helmuth von Moltke d.Ä. an der Spitze stand den bismarckschen Plänen zunächst skeptisch gegenüber, da hier insbesondere befürchtet wurde, daß ein Bündnis mit Österreich-Ungarn negative Auswirkungen auf das Verhältnis zu Italien haben würde. Erst nach dem Berliner Kongreß 1878 und der Wien-Reise Bismarcks änderte sich die Haltung der Militärführung, da man Rußland als noch ungeeigneteren Partner betrachtete und die Aufmarschplanung zwischenzeitlich auch dahingehend geändert hatte, daß man bei einem Zweifrontenkrieg die Offensive nun nicht mehr im Westen, sondern im Osten suchen wollte.

Daher begann der Widerstand des Kaisers zunehmend zu erlahmen und am 2.10.1879 erteilte er dem deutschen Botschafter in Wien die Vollmacht zur Vertragsunterzeichnung. Die in der Vollmacht enthaltenen letztlichen Bedingungen Wilhelm I., Rußland möge zum Beitritt zu dem Bündnis eingeladen werden und Österreich-Ungarn verpflichtet sich zu einem Beistand auch bei einem französischen Angriff gegen Deutschland, wurde von Andrássy abgelehnt, wobei er sich jedoch mit einem Privatschreiben Wilhelm I. an Zar Alexander II. einverstanden erklärte, worin dieser den russischen Zaren von dem Vertrag unterrichtete.

Am 7.10.1879 unterzeichneten der deutsche Botschafter Preuß und Außenminister Andrássy schließlich den Vertrag, in dem die österreichische Position dominierte. Bündnisfälle waren demnach nur ein Angriff Rußlands oder einer mit Rußland verbündeten Macht. Ansonsten waren die Partner lediglich zur Neutralität verpflichtet.

Bismarck hatte damit seine Kompetenzen überschritten, da Wilhelm I. seine in der Vollmacht dargelegten Forderungen bei deren Nichterfüllung mit seiner Abdankung verband. So mußte er nun nachträglich den Kaiser zur Ratifikation den Vertrages drängen und bediente sich dabei abermals Generalstabschef Moltke, der in einem Gutachten darlegte, daß sich das Reich einerseits gegen Frankreich auch allein verteidigen konnte und daß andererseits ein Zweifrontenkrieg Deutschland in einer sehr schwierige Lage bringen würde und daher ein Bündnis mit Österreich-Ungarn wünschenswert sei.

Da Wilhelm I. insbesondere einem Kabinettswechsel abgeneigt war, unterzeichnete der Kaiser am 16.10.1879 letztlich die Ratifikationsurkunde und setzte seinem Neffen am 4.11.1879 über den Vertragsschluß in Kenntnis. Ebenfalls wurden die anderen Großmächte von dem Vertragsschluß unterrichtet, wobei der Vertragsinhalt bis 1888 geheim blieb.

Auswirkungen des Vertragsschlusses

Für Bismarck besaß der Vertrag zwei Wirkungen. Einmal versuchte er damit die gegen Rußland gerichtete Option Österreich-Ungarn zu gewinnen, zum anderen wollte er damit Rußland verdeutlichen, daß das Bündnis zugleich Abschreckung gegen seine imperialen Ambitionen bedeutete. Gleichzeitig suchte das Deutsche Reich damit einer Isolierung der beiden europäischen Zentralmächte zu verhindern.

Für Deutschland selbst bedeutete der Zweibund, einen berechenbaren Partner zu besitzen und gleichzeitig seine Unabhängigkeit zu behalten. Da Bismarck jedoch bestrebt war, Rußland in ein Dreikaiserbündnis zu intergrieren, bedeutete der Zweibund für ihn vor allem eine “Aushilfe”.

Der Zweibund zeigte insbesondere auf Rußland – Großbritannien gravitierte zwar zum Zweibund hin, wollte ihm jedoch nicht beitreten – entsprechende Wirkung. Es verzichtete auf den Anspruch, Deutschland als Juniorpartner zu gewinnen und seine Balkan-Pläne gegen Österreich-Ungarn um jeden Preis durchzusetzen. Auf eine Reaktion der für Rußland sehr unfreundlichen deutschen Zollpolitik verzichtete St. Petersburg.

Am 18.6.1881 konnte schließlich ein Neutralitäts- und Konsultationspakt zwischen den drei europäischen Kaisern abgeschlossen werden und so der Interessenausgleich zwischen Österreich-Ungarn und Rußland, an dem Bismarck sehr viel lag, gefördert werden.

Ähnliches konnte Bismarck mit dem Abschluß des Dreibund 1882 zwischen Italien, Österreich-Ungarn und Deutschland erreichen und so daß Verhältnis zwischen Rom und Wien entspannen, die wegen Südtirol und Triest in Auseinandersetzung lagen.

Der Zweibund bildete damit nur den Anfang der außenpolitischen Bündnispolitik Bismarcks, auch wenn das Dreikaiserabkommen während der Orientkrise 1887, als der russisch-österreichische Konflikt auf dem Balkan erneut ausbrach, suspendiert wurde und zu Beginn der 80er Jahre nicht vorhersehbar waren.

Als Fortsetzung dieses ausgelaufenen Vertragswerkes ließ Bismarck Graf Herbert von Bismarck mit Graf Peter Schuwalow für die deutsche bzw. russische Regierung den geheimen bilateralen Rückversicherungsvertrag unterzeichnen, wodurch einerseits der Kontakt nach St. Petersburg erhalten werden sollte und andererseits verhindern sollte, daß die Auseinandersetzungen im Handel in einen außenpolitischen Konflikt umschlagen sollten. Der Rückversicherungsvertrag trat dann auch mit dem Auslaufen des Dreikaiserabkommens in Kraft und komplementierte den Orientdreibund zwischen Großbritannien, Österreich-Ungarn und Italien mit Deutschland als stillen Teilhaber, der die russischen Expansionsbestrebungen auf dem Balkan entgegenwirken sollte.[3]

Erst nach dem Abtritt Bismarcks konnten sich die Deutschen zwischen Großbritannien und Rußland nicht mehr zurecht finden. Beide großen peripheren Mächte schraubten ihre Forderungen immer weiter in die Höhe, so daß die deutsche Regierung letztlich nicht mehr entgegenhalten konnte und sich ein russisch-französisches Bündnis, welches natürlicherweise gegen die europäische Zentralmacht gerichtet war, anbahnte.
Hier schließlich gewann der Zweibund neue Bedeutung, der nunmehr sein Defensivcharakter ablegte und zu einem Exklusivbündnis wurde. Deutschland hatte im europäischen Beziehungsgeflecht seine zentrale ausgleichende Rolle verloren und band sich immer stärker an Österreich.

Anmerkungen
[1] Die Ziele Bismarcks wurden im Kissinger Diktat vom 15.6.1877 deutlich: es müsse eine Situation herbeigeführt werden, “in welcher alle Mächte außer Frankreich unserer bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden.”
[2] Die deutsch-britische Option blieb dabei jedoch nur von kurzer Dauer, da Großbritannien jeder kontinentalen Bindung auswich (vgl. Kissinger: Die Vernunft der Nationen)
[3] Als der Rückversicherungsvertrag 1896 in Wien bekannt wurde – nach dem Bismarck gestürzt und der Rückversicherungsvertrag damit gegenstandslos geworden war -, brach in Wien ein Sturm der Entrüstung über Bismarck los.

Literaturhinweise

  • Jürgen Angelow: Bismarck und der Zweibund 1879-90 (Friedrichsruher Beiträge Band 3)Otto-von-Bismarck-Stiftung – Friedrichsruh 1998
  • Henry A. Kissinger: Die Vernunft der Nationen . Über das Wesen der Außenpolitik, Berlin 1996

2007: Jahr der Geisteswissenschaften

2006: Fussballweltmeisterschaft in Deutschland

Ein besonderer persönlicher Tag

Es war insofern ein besonderer Tag, weil Prof. Dr. Günther Hockerts exakt diesen Tag ausgewählt hatte, um mich mündlich zu prüfen – Neuere und Neueste Geschichte.

John Iliffe: Geschichte Afrikas

Icliff stellt in seiner historischen Auseinandersetzung mit Afrika die Entwicklung des schwarzen Kontinents von den Anfängen der menschlichen Entwicklung bis zur Abschaffung der Apartheid in Südafrika in den neunziger Jahren dar.

Für die heutige Entwicklung des schwarzen Kontinents ist dabei die Darstellung der “Kolonialen Invasion” und ihrer Auswirkungen entscheidend. Hier wird deutlich, daß der Ursprung vieler Konflikte der jüngsten Vergangenheit ihren Ursprung in den Folgewirkungen der Berliner Konferenz (1885/86) und der Post-Kolonial-Zeit bis zum Ende des Kalten Krieges haben.

Das heutige Afrika hat vor allem das Problem, die – neben den ethnischen – sich zunehmend im Versorgungsfaktor auswirkenden Problemstellungen zu bewältigen. Die epidemische Ausbreitung von AIDS bringt insbesondere den südlichen Kontinent an den Rand der Existenzfähigkeit. Dies ist insbesondere ein Problem, welchem sich die neue südafrikanische Regierung stellen muß.

Bereits zu Beginn von Icliff´s Auseinandersetzung kommt er jedoch auf die Frage der europäischen und arabischen Einwanderung zurück. Insbesondere der Sklavenhandel hat den Kontinent einen Großteil seiner Menschen genommen, die seine ökonomisch-soziale Entwicklung bereits damals massiv behinderte.

Bibliographische Angaben
John Iliffe: Geschichte Afrikas
übersetztvon Gabriele Gockel und Rita Süß
erschienen in der C.H. Beckschen Verlagsbuchhandlung München 2000