Torsten Matzak

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Das Land der Finsternis

Nachdem ich im vergangenen Jahr bereits auf ein Buch über eine nordkoreanischen Flüchtling gestoßen war, fiel mir vor rund 1,5 Wochen das schon etwas ältere Werk von Barbara Demick in die Hände. Die US-amerikanische Journalistin war Korrespondentin der Los Angeles Times in Seoul und hatte aus ihren zahlreichen Interviews mit nordkoreanischen Flüchtlingen eine Zusammenstellung gemacht. Es ist kein Buch eines Akademikers, der sich aus historischer oder politologischer Sicht dem Land der Finsternis nähert, welches in den vergangenen 20 Jahren durch Atomversuche und Hungersnöte immer wieder in den Weg in die Medien gefunden hat.

Demicks Report konzentriert sich auf vier Familien ganz unterschiedlicher Herkunft aus der im Norden der kommunistischen Erbmonarchie gelegenen Stadt Ch’ŏngjin. Sie stammen aus unterschiedlichen Kasten und sind alle unterschiedlich in ihrer Treue zu den gottgleichen kommunistischen Führern Kim Il Sung und King Jong Il. Sie eint vor allem eines: der absolute Hunger und die Flucht. Alle vier Familien glauben mehr oder weniger an die Propaganda, dass Nordkorea das Paradies auf Erden ist und um sie herum in China, Südkorea oder die USA noch mehr Menschen Hunger leiden als in Nordkorea. Das höchste Gut und das Glück ist die Mitgliedschaft in der Arbeiterpartei Nordkoreas.

Aber es eint noch etwas über alle vier Handlungsstränge hinweg: die Protagonisten eint die Angst davor, eine der vielen Regeln zu verletzen und dafür mit dem Bannstrahl der Kommunisten belegt zu werden, in das Arbeitslager zu wandern. Wer in einer Diktatur gelebt hat, kennt dieses Gefühl der immer währenden Regeln und der beständigen Umsicht, das Regime könnte erfahren, dass man an die Parolen nicht ganz so glaubt. In Nordkorea ist dies aber alles noch ein Stück weit ausgeprägter und der Kontrollwille des Staates absolut. Ein Entweichen gibt es nicht, verschlossene Türen machen verdächtig und der inminbun, der nordkoreanische Blockwart, war allgegenwärtiger, als man dies aus anderen Regimen jemals gehört hat.

Die Geschichte des Liebespaares, welches bereits wegen den gesellschaftlichen Konventionen die Liebe nur in der stockdunklen Nacht in Spaziergängen auslebt, ist eigentlich eine Liebesgeschichte wie an jedem anderen Platz der Welt. Aber sie ist auch gekennzeichnet dadurch, dass Mir Ran, die Angebetete des Jugendlichen Jun Sang, aus einer niedrigen Kaste südkoreanischer Kriegsgefangener stammt. Ihren Schwestern ist der Zugang zur Universität verwehrt. Aber Jun Sang, der in der grossen verbotenen Stadt Pjoengjang studiert, weckt in Mi Ran den kritischen Blick. Während Jun Sang an die Beziehung recht unbekümmert heran geht, steht für Mir Ran immer die „niedrige Klasse“ ihrer Herkunft im Wege. Denn: so sehr sie ihren Holden auch liebt, seinem Glück will sie nicht im Wege stehen.

Großtreffen der Kommunistischen Partei in Nordkorea

Oder Frau Song, die an nichts fester glaubt als an die Partei, auch als diese Mann und Sohn verhungern lässt. Als inminbun gehört sie zu den Treuesten der Treuesten, die tief traurig den Tod Kim Il Sungs 1993 betrauert hat. Auch der Hungertod von Mann und Sohn bringt sie nicht von der Treue zur Partei ab. Erst als sie in China, wo sie ihre bereits nach Südkorea geflohene Tochter hinlockt und sie dann nach Südkorea nachholen will, sieht, wie lange sie von ihrem geliebten Führer betrogen wurde, ändert sie ihre Meinung und geht ebenfalls nach Südkorea.

Es sind die Geschichten eines unmenschlichen Regimes, welches seine eigene Bevölkerung den Hungertod sterben lässt und gleichzeitig größenwahnsinnige Pläne einer Atombombe voran treibt. Demick hat einen Bericht vorgelegt, der zwar leicht geschrieben ist, aber schweren Tobak beinhaltet.

Demick zeigt aber auch, dass eine fortlaufende Indoktrination eine tiefgreifende Wirkung hat. Die Menschen Nordkoreas kennen nichts anderes als den grossen und geliebten Führer, die durch eine göttliche Genialität ausgezeichnet sind. Für die Probleme des Landes ist nicht deren Führung verantwortlich, sondern die USA. Sie schätzen sich glücklich, auch wenn es in der größten Not sogar den Verdacht gibt, dass seitens der staatlichen Behörden Korruption waltet.

Nordkorea zeigt einmal mehr, wie weit der menschliche Verstand in der Not faktisch ausgeschaltet wird. Wenn eine Lehrerin wie Mi Ran erzählt, dass sie im Angesicht des Hungers ihrer Schule nichts von ihrem Essen abgab, dann muss etwas nicht in Ordnung sein in dieser Gesellschaft. Und erst Recht, wenn sich für die Hungerleichen am Strassenrand niemand mehr interessiert. In der Not kennt der Mensch nur noch sich selber, insbesondere wenn diese Not über einen langen Zeitraum existiert.

Demick zeichnet ein Bild von einem Land, welches sich aus den bisherigen Berichten so gar nicht ergibt. Sie geht in die Provinz, die weit schlechter versorgt wird als das Schaufenster Pjoengjang. Gerade der Vergleich, den der Elitestudent Jun Sang, der in der Hauptstadt studierte, machte dies deutlich: während seine Freundin Mi Ran lieber einen langen Weg zu ihrer Universität in Ch’ŏngjin in Kauf nahm, da das Wohnheim nicht beheizt war und die Versorgung katastrophal, musste ihr Freund weder hungern noch frieren. Demick berichtet so aus einer Provinz, die sonst von den Zensoren bewusst geschnitten wird. Denn dann würde das sauber aufgebaute Propagandabild endgültig zusammen brechen.

Barbara Demick: Im Land des Flüsterns . Geschichten aus dem Alltag in Nordkorea
Knaur Verlag 2013

“ich habe das gefuehl, langsam menschlich zu werden.“

Wenn ein Mensch sich selbst daran erinnert, dass er eigentlich keine menschlichen Verhaltensweisen hatte, so muss viel passiert sein.

Nordkorea ist ein Land, welches wohl zu den skurillsten Erscheinungen der Weltgeschichte mutiert ist. Und gleichzeitig ist es zu einer der grausamsten, menschenverachtensten Diktaturen geworden. Wer Shin In Geuns Bericht ueber sein Leben und seine Flucht liesst, bekommt jedoch einen ungefaehren Eindruck dessen, was es bedeutet, als so minderwertig angesehen zu werden, dass ihm nicht einmal die Propaganda des nordkoreanischen Systems zu Teil wurde.

Shins Verbrechen war ein recht einfaches, welches er nicht einmal beeinflussen konnte: sein Onkel war im Korea-Krieg in den Sueden des geteilten Landes gefluechtet. In diesem Moment war seine Familie damit als unzuverlaessig eingestuft, lange bevor Shin ueberhaupt geboren wurde. Seinen Vater sah er, wenn die Waerter des Lagers 14 ihm die Besuche einmal erlaubten und zu seinem Bruder hatte er kein wirkliches Verhaeltnis. Dies praegte aber auch seine Beziehung zu seinen Eltern.

Es war der Futterneid in seiner dramatischsten Erscheinung, der Shins Verhaeltnis zu seiner Familie praegte. Seiner Mutter stahl er ihre karge Mahlzeit – weil er selbst einem staendigen Hunger ausgesetzt war. Statt Mutterliebe bekam er Schlaege von seiner Mutter und von seinen Waertern und „Lehrern“ eingetrichtert, jede Regelverletzung auch von seinen Eltern zu melden. Wer mit staendigem Hunger und der Erziehung zur gegenseitigen Bespitzelung aufwaechst, bis zu seinem 13 Lebensjahr nicht eine irgendwie geartete Form der Zuneigung und stattdessen einzig die primitivsten Formen des Ueberlebens kennen lernte, der hat nie die einfachsten Formen des Menschlichseins kennen gelernt.

Als Shin bereits aus North Korea gefluechtet war und in den USA lebte, kamen ihm die Gedanken, die wohl die innersten Werte eines Menschen sind und unter normalen Umstaenden wuerde Shins Umwelt ihn dafuer zu Recht mindestens moralisch verurteilen. Vordergruendig verriert er die Fluchtplaene seiner Mutter und seines Bruders, weil seine Mutter seinem Bruder Reis kochte – ein Luxusgut, wenn man sonst nur Maisbrei zum Essen bekommt. Tiefer gehend war es jedoch ein Ueberlebensinstinkt. Denn wenn die Flucht geglueckt waere, waere er selber totgeweiht. Shin lebte nicht unter normalen Umstaenden und deshalb muss sich jeder fragen, der sollte sich deshalb fragen, wie er sich selber in gleicher Situation verhalten wuerde. Und da sich wohl niemand in Shin In Geun’s Lage wuenscht, verbietet sich jede Verurteilung.

Aber die neunmonatige Haft, die Folter, zerstoerte auch sein Verhaeltnis zu seinem Vater endgueltig – obwohl sich dieser nun wohl erstmals darum bemuehte, seinen Sohn irgendwie zu schuetzen. Auch wenn er seinen Vater von Zeit zu Zeit besuchte, im tiefsten Herzen verachtete er ihn – dafuer, dass er sein Vater war. Shin brachte es nicht einmal uebers Herz ein Geschenk seines Vaters anzunehmen, obwohl es das wertvollste war, was es im Lager 14 gab … Essen. Erst als er fluechten wollte, zeigt er etwas wie Liebe zu seinem Vater und gleichzeitig Schuldgefuehle. Denn Shin wusste: er wuerde seine eigene Flucht mit seinem Leben bezahlen oder zumindest erneut schwer gefoltert. Aber dennoch verriet er seine Fluchtplaene nicht, denn ein inneres Misstrauen blieb.

Und so waren es nicht seine eigenen Angehoerigen, die ihm etwas wie menschliche Naehe gaben. Sondern ein Mithaeftling, der ihm nach der Folter im Gefaengnisgefaengnis wieder gesund pflegte, sein Essen mit ihm teilte und ihm den Traum von Freiheit gab. Dieser Traum – fuer Menschen- und Buergerrechtler wohl mehr als befremdlich – bestand diese Freiheit jedoch nicht darin, zu sagen was er wollte oder zu gehen, wohin ihm trachtete. Freiheit bedeutete fuer Shin, zu essen was er wollte – und zu essen, soviel er wollte. Fuer jemand, der nie Hunger leiden musste, ein sonderbarer Freiheitsbegriff. Fuer Shin der Inbegriff der Freiheit und er interessierte sich auch nicht fuer die Erzaehlungen seines lebenserfahrenden Freundes Park ueber die politische Freiheit.

Shins Erzaehlung laesst einen deutlich spueren, in welchen Verhaeltnisses die Lagerhaeftlinge leben: Exkremente, Laeuse, Hunger und ein Leben in Lumpen. Die Erzaehlung ist so lebendig, dass sich der aufmerksame Leser den Leiden und dem Elend nicht entziehen kann. Und auch der Tatsache, dass Shin dies noch nicht einmal so empfindet, denn er hat nichts anderes erlebt. Hier hat auch der jahrelange Hinweis auf die Minderwertigkeit des eigenen Lebens seine Wirkung gezeigt. Sicher, als die Kinder der Waerter sie immer mit Steinen beworfen haben, merkte er: hier stimmt etwas nicht. Aber er hatte nicht die Macht, dies zu aendern und letztlich ertrug er dies wohl auch deshalb, weil der Futterinstinkt staerker war als das Gerechtigkeitsempfinden. Shin zeigt, was es heisst, dass er von Geburt dazu getrieben wurde, zu „normalen menschlichen Gefuehlen nicht imstande“ zu sein.

Shin aenderte seinen Namen, nachdem er in Suedkorea angekommen war – und liess damit sein altes Leben hinter sich. Und dies war mehr, als das Lagerleben. Es war auch die Gefuehlslosigkeit und die Gleichgueltigkeit, die ihm in Camp 14 anerzogen war. “Ich habe das Gefuehl, langsam menschlich zu werden.“ – eine Aussage, die unter anderem die Ermordung seiner Mutter und seines Bruders in eine menschliche Vorstellungswelt ausrichtete. Sein Weg in die Zivilisation fuehrte ueber Alptraeume und die Entdeckung seines Vaters.

Blaine Harden
Flucht aus Lager 14 . Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im
nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam
Muenchen 2014

Die Forderung nach Selbstentwicklung

Es war wohl nicht geplant, dass Rogan in seinem letzten Kapitel auf den „Arabischen Frühling“ eingeht. Aber der Lauf der Geschichte liess dieses Buch eine nicht gewollte Aktualität haben. Aber auch ohne diesen Abstecher in die allerneueste Entwicklung, die naturgegeben nur unvollständig erfasst werden konnte, hat Rogan ein Werk vorgelegt, welches quasi zur Pflichtlektüre werden wird.

Historische Grundlagen moderner Konflikte

Die Europäer wie die Araber halten gerne die Kreuzzüge für den Grund allen Übels, welches die moderne arabische Welt heimgesucht hat. Das dem nicht so ist, wird bereits am Anfang in den ersten drei Kapiteln deutlich. Es waren die Araber und die Osmanen selbst, die dafür sorgten, dass ihre Kultur den Wechselwirkungen bewaffneter Konflikte ausgesetzt war, in die erst sehr spät die Europäer eingriffen und ihr Scherflein ins Trockene zu bringen suchten.
Detailreich und in bebilderter Sprache stellt Rogan dar, dass der Kampf innerhalb des Orients zunächst zwischen den Ägypten und Osmanen ausgetragen wurde. Während die Osmanen der modernen europäischen Kriegskunst vertrauten und ihre Schlachttechnik daran ausrichtete, waren die Ägypten mit ihren mamelukischen Feldkämpfern an die alte Degenordnung gewohnt und wollten sie auch nicht verlieren. Aber vor allem: sie wollten nicht selber Kämpfen, sondern überließen die Arbeit den Mameluken. Die Golf-Staaten haben bis heute dieses uralte Prinzip der arabischen Welt verinnerlicht und weiterentwickelt.

Die moderne Geschichte: Wechselspiel unter Beteiligung der Araber

Eugene Rogan

Die moderne Geschichte ist nicht zwingend eine Folge von Okkupation, sondern auch eine Einladung gewesen. Rogan stellt auf anschauliche Weise im zweiten Teil die Wechselwirkungen zwischen den Arabern und den Europäern dar. Faktenreich und anhand von zahlreichen Quellen wird deutlich: die Araber haben die Europäer auch eingeladen, ihre inneren Streitigkeiten zu schlichten. Der Kampf um die regionale Vorherrschaft zwischen Sherifen von Al Riyadh and Al Mekka, die Inthronisation der Haschemiten als die Herren von Amman und ihre Träume, sich Syrien einzuverleiben oder die Stabilisierung des Irak – in all diesen Entwicklungen waren die Europäer nur bedingt die treibenden Akteure. Sie waren auch Schlichter und trugen dazu bei, dass sich in der arabischen Welt ein modernes Staatswesen entwickeln konnte.

Bei allen diese Vorzügen darf nicht darüber hinweg getäuscht werden, dass die Europäer – und später die Amerikaner – auch handfeste Machtinteressen vertraten. Rogan macht die anhand der Arabisierung der Öl-Industrie deutlich – die bereits damals Muammar al Ghaddafi zum Feind werden liess. Es ist das Verdient des Autors, dass sich Rogan, Orientalist in Oxford, sich diese Sichtweise nicht zu eigen macht. Er macht deutlich, dass die Emanzipation zwingend war, ohne jede einzelne Entwicklung damit auch zu befürworten.

Neueste Entwicklung mit Skepsis verfolgen

Gerade im letzten Teil des Buches verdeutlicht Rogan aber auch, dass der arabische Frühling des Jahres 2011 mit einem gesunden Maß an Skepsis zu betrachten ist. Zu oft ist die arabische Geschichte ein Auf und Ab von Fortschritt und Rückfall gewesen. Die Hoffnungen, die aus der Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert erwachsen sind, wurden nirgendwo erfüllt – sieht man von dem Wohlstand der Staaten des Gulf Cooperation Council einmal ab. Wenn Rogan ganz zum Schluss schreibt; Damit die arabische Welt den Zyklus der Unterordnung unter die Regeln anderer Volker durchbricht, sind ein ausgewogenes Engagement … sowie der Wille zur Reform … erforderlich“, so schwingt hier ein Misstrauen mit, welches nicht kulturimperalistisch zu sehen ist, sondern aus der Verehrung und Sorge für eine der ältesten Kulturen entspringt.
Auch deshalb ist es dem Werk zu wünschen, dass es nicht nur in westlichen Fakultäten zu einem Standardwerk wird, sondern auch unter den arabischen Führern weite Verbreitung findet. Den Rogan widerspricht nicht der Berechtigung des arabischen Weg, sondern er fordert ihn ein – und die Emanzipation von der Bevormundung wie Schlichtung der westlichen oder jeder sonstiger fremder Mächter.

Eugene Rogan: Die Araber . Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch, Propylän München 2012

Auf dem Weg zur Macht – Hillary Clinton

Wer den Namen Hillary Clinton hört verbindet damit eine Ehe, die neben ihrer privaten Komponente eine elementare politische Verbindung zwischen Bill und Hillary Clinton darstellt. Hillary Clinton ist die erste Frau in der Geschichte der USA, die nach ihrer Zeit als First Lady im White House eine eigene politische Karriere startete und Senatorin des Bundesstaates New York wurde. Nun greift sie nach den Sternen der U.S.-Politik und bewirbt sich als Präsidentin der USA.
Gerth und Don Van zeichnen in ihrer Biographie den Weg einer machtbewussten, aber nicht machtversessenen Frau, die wohl nur mit Eleonore Roosevelt vergleichbar politisch im West Wing agierte. Trotz der Anfeindungen konservativer Kreise war sie stets an der Seite ihres Mannes präsent und eine First Lady, die sich nicht nur auf die Repräsentation beschränkte. Man konnte auch nichts anderes von ihr erwarten, war sie doch während der Zeit in Arkansas dort in einer der angsehensten Anwaltskanzleien tätig und hatte diesen Beruf für die Präsidentschaft ihres Mannes aufgegeben. Sie war nicht das Beiwerk von Bill Clinton, sondern sie institutionalisierte das Amt der First Lady.
Bill Clinton war gewillt, ihr eigenen Aufgaben anzuvertrauen. Die Reform des Gesundheitswesens war deshalb 1993/94 ihr Werk und wurde nun während ihrer eigenen Präsidentschaftskandidatur wieder aufgegriffen. Sie mischte sich ein in die politische Debatte und prägte sie. Ihr eigener Weg in die Politik war 2000 nur folgerichtig. Das ihr Mann sie darin unterstützte, hat jedoch nicht bloss etwas damit zu tun, dass er Schuldgefühle ihr gegenüber hatte – immerhin hatte er sie im Oval Office betrogen und angelogen. Die vielfach politische Ehe ist wohl nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sondern eine echte Beziehung in der einer den anderen unterstützt. 2000 hatte Bill seine politische Karriere beendet und machte nun das, was Hillary all die Jahre zuvor für ihn getan hatte: den Weg frei auf den Capitol Hill.

Gerth und Don Van zeichnen nicht eine einzige Ruhmesgeschichte der Person Hillary Clinton. Auch wenn man dies annehmen möchte, sprechen sie doch nur von Hillary und Bill. Fehlentscheidungen werden offen angesprochen und auch, dass Hillary Clinton um des Machterhaltes und wohl auch um des Schutzes ihrer Familie Unterlagen nicht vorlegen wollte und Aussagen nicht hätte gemacht. Auch die Persiflage von Hillaryland zeigt eine Frau, die durchaus im eigenen Interesse zu agieren gewillt ist. Hier kommt die machtbewusste Hillary Clinton heraus.
Insgesamt ist ihnen jedoch ein Porträt gelungen, welches ausgewogen ist. Es wird eine moderne Frau porträtiert, die 2008 den Sprung als erste Frau ins Weiße Haus schaffen könnte. In das Oval Office wohlgemerkt, nicht nur in die präsidentiellen Wohnräume.

Jeff Gerth / Natta Don Van Jr.
Hillary Rodham Clinton . Ihr Weg zur Macht
München 2007 (2. Auflage)

Gernot Erler: Mission Weltverbesserung

Wenn ein Regierungsmitglied zur Feder greift, dann sollte man immer genau hinhören. Ganz besonders in Zeiten von Grossen Koalitionen und Wahlkämpfen. Diesmal war es Gernot Erler, bis 2005 aussenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und zwischenzeitlich Staatsminister im Auswärtigen Amt. Diese haben nicht immer so viel zu tun und deshalb auch immer wieder die Zeit, ein Buch zu schreiben.

Erler befasste sich mit nichts anderem als der “Mission Weltfrieden”, der deutschen Rolle in der Weltpolitik. An einer solchen Mission sind bereits andere gescheitert und selbst in egrenzten Konflikten wie dem Nahen Osten war es zuletzt Josef Fischer, der zwar eine angestrengte Pendeldiplomatie vollführte, aber in letzter Konsequenz gescheitert ist.
Zumindest hätte man jedoch erwarten können, dass Erler ein paar Konzepte beiträgt, welche Rolle Deutschland in der Welt spielen sollte. An einer konzeptionellen Aussenpolitik fehlte es im Auswärtigen Amt nämlich bereits seit längerem – exakt 2005. Aber auch hier wird der Leser enttäuscht, sondern ihm wird eine Rechtfertigungslitanei rot-schröderschen Aktionismus präsentiert. Da wird die Rede von Goslar immer noch als ultima ratio verkauft, obwohl sich der damalige Bundeskanzler viele Monate vor der eigentlichen Entscheidungen und ohne Konsultation selbst mit seinem Aussenminister als ernsthafter Gesprächspartner auskickte. Ein Wahlkampfgag, der die deutsch-amerikanischen Beziehungen nachhaltig beschädigte. Da wird ernsthaft versucht zu behaupten, dass der russische Präsident vom Kaukasus-Abenteuer im August 2008 vom georgischen Präsidenten Sakaschwili überrascht wurde und vollkommen unschuldig in diesen Konflikt geschlittert ist. Da wird nicht im Ansatz versucht, die Theorie des “lupenreinen Demokraten” zu korrigerieren.

Und auch sonst gerät der Ritt durch die Weltpolitik eher dürftig als gelungen. Erler bleibt schuldig, wofür er und wofür seine Partei steht. Das Buch zeigt sehr eindrucksvoll, dass die sozialdemokratische Partei ihre aussenpolitische Kompetenz, die sie noch zu Zeiten der Bundeskanzler Brandt und Schmidt zweifelslos hatte, am Gaderobenhaken der Regierungsbeteiligung 1998 abgelegt hat.

John Iliffe: Geschichte Afrikas

Icliff stellt in seiner historischen Auseinandersetzung mit Afrika die Entwicklung des schwarzen Kontinents von den Anfängen der menschlichen Entwicklung bis zur Abschaffung der Apartheid in Südafrika in den neunziger Jahren dar.

Für die heutige Entwicklung des schwarzen Kontinents ist dabei die Darstellung der “Kolonialen Invasion” und ihrer Auswirkungen entscheidend. Hier wird deutlich, daß der Ursprung vieler Konflikte der jüngsten Vergangenheit ihren Ursprung in den Folgewirkungen der Berliner Konferenz (1885/86) und der Post-Kolonial-Zeit bis zum Ende des Kalten Krieges haben.

Das heutige Afrika hat vor allem das Problem, die – neben den ethnischen – sich zunehmend im Versorgungsfaktor auswirkenden Problemstellungen zu bewältigen. Die epidemische Ausbreitung von AIDS bringt insbesondere den südlichen Kontinent an den Rand der Existenzfähigkeit. Dies ist insbesondere ein Problem, welchem sich die neue südafrikanische Regierung stellen muß.

Bereits zu Beginn von Icliff´s Auseinandersetzung kommt er jedoch auf die Frage der europäischen und arabischen Einwanderung zurück. Insbesondere der Sklavenhandel hat den Kontinent einen Großteil seiner Menschen genommen, die seine ökonomisch-soziale Entwicklung bereits damals massiv behinderte.

Bibliographische Angaben
John Iliffe: Geschichte Afrikas
übersetztvon Gabriele Gockel und Rita Süß
erschienen in der C.H. Beckschen Verlagsbuchhandlung München 2000